Film des Monats

What about the law

Film des Monats Juni 2016 •

Mit »What abou’ de Lô/What about the law« (2014) von Charles Badenhorst gewann beim ersten Weimarer Poetryfilmpreis ein philosophischer und zugleich äußerst politischer Poesiefilm, der durch seine Intensität Publikum wie Jury bewegte. Er basiert auf einem Gedicht des südafrikanischen Autors Adam Small aus dem Jahr 1961.

Der am Samstag, den 25. Juni, im Alter von 79 Jahren verstorbene südafrikanische Schriftsteller, Philosoph, Sozialarbeiter und Aktivist Adam Small, Autor des Gedichts What abou’ de Lô?, ist hierzulande noch weitgehend unbekannt. Deutsche Übersetzungen seiner Texte gibt es kaum; selbst ins Englische wurde nur wenig übertragen. Wie er allerdings innerhalb der südafrikanischen Literatur einzuschätzen ist, verdeutlichen die Umstände der Hertzog-Preis-Verleihung im Jahr 2012. Damals setzte sich die Südafrikanische Akademie für Wissenschaften und Künste über ihre eigene Regel hinweg, nur in Afrikaans geschriebene Werke der letzten drei Jahre zu prämieren, und zeichnete Small für sein Dramenwerk der 1980er Jahre aus. Die Akademie holte damit eine in früherer Zeit aus ideologischen Gründen unterbliebene Preisverleihung nach.

Auch das Erscheinen seines jüngsten Lyrikbandes Klawerjas 2013 war ein ungewöhnliches Ereignis. Vierzig Jahre hatte Small keine Gedichte mehr publiziert. Nun meldete er sich im Alter zurück: »Ek was lank stil, maar nou/ waarlik, kom die woorde weer. […] Kyk,/ die magie van my hand het nie/ verval nie.« – »Es war lange still, aber nun/ wahrlich, kommen die Worte wieder. […] Schau her,/ die Magie meiner Hand ist nie/ erloschen, nie.« (aus dem Gedicht My woorde kom weer/Meine Worte kommen wieder) Viele Gedichte dieses Bandes thematisieren die (alt-)europäische Kunst, Philosophie und Literatur und sprechen oftmals eine an die Bibel angelehnte religiöse Sprache. Klawerjas enthält auch zwei Versöhnungs- und Friedensgebete an Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk, den letzten südafrikanischen Präsidenten des Apartheidsregimes.

Die Sensibilität für Fragen der religiösen und kulturellen Toleranz erwarb Adam Small bereits im Elternhaus. War sein Vater ein reformierter Schullehrer und Laienprediger auf dem Lande, so praktizierte seine Mutter den islamischen Glauben. Ihre Familie war aus Indien nach Südafrika gekommen. In seiner Jugend besuchte Small mehrere katholische Schulen, ehe er 1953 anfing, an der Universität von Kapstadt Literatur und Philosophie zu studieren. Für seinen MA-Abschluss verfasste er eine philosophische Studie über die Beziehung von Nicolai Hartmann zu Friedrich Nietzsche. Kurze Zeit verbrachte er zudem mit Stipendien in London und Oxford.

Seine berufliche Karriere begann Small als Dozent für Philosophie. 1960 gehörte er zu den dreizehn ersten Professoren der University of the Western Cape (UWC), an der er die Abteilung für Philosophie leitete. Sein Engagement in der Black Consciousness-Bewegung und die Ablehnung der Apartheid brachten ihn 1973 an den Punkt, aus der von der Rassentrennung geprägten Universität auszutreten und sich der Sozialarbeit zu widmen. 1984 kehrte er jedoch als Leiter der Abteilung für Sozialarbeit an die UWC zurück, wo er bis 1997 blieb.

Seit seinen ersten Gedichtbänden Verse van die liefde/Verse über die Liebe (1957), Kitaar my kruis/Gitarre mein Kreuz (1961) oder Sê Sjibbolet/Sag Schibboleth (1963) gehörte Small zu den Kritikern von Apartheid und Rassismus, die er u. a. dadurch bekämpfte, dass er das Afrikaans (besonders das Kaaps-Africaans) nicht als Idiom der Buren, sondern als eine hybride, die Rassengrenzen überwindende Sprache literarisch fruchtbar machte. Als Philosoph entschied sich Small bewusst für die literarische Darstellungsform, um eine gesellschaftliche Bewusstseinsbildung zu bewirken, die ihm aus dem akademischen Raum heraus nicht erreichbar schien.

Sein Selbstverständnis als Lyriker formulierte der ebenso von Nietzsche wie von Martin Buber beeinflusste Small in dem Gedicht Wie’s Hy?/Wer ist er? Dort fragt er: »Der Dichter/ Wer ist er?/ Ihr habt soviel über den Dichter zu sagen/ Aber wer ist er?/ Ist er wirklich der, für den ihr ihn haltet?/ Der mit Stift und Tinte/ Der in seinem Studierzimmer sitzt und über Gedichte nachdenkt?/ Nein/ Ihr täuscht euch/ Ihr selbst seid die Dichter/ Ihr auf der Straße/ Ihr, die ihr kreativ mit der Sprache umgeht/ Und die Dinge, die ihr seht/ Ihr ruft zu Gott, um eure Missbilligung auszudrücken« (aus Sê Sjibbolet). Diese Selbstzurücknahme des Dichters gegenüber der Gemeinschaft zeigt sich auch in der Bevorzugung populärer Formen: Ghospel, Folklore, Lieder. Die performative Intonation und die Sangbarkeit der Texte prägen viele Gedichte.

What abou’ de Lô? erschien zuerst im Gedichtband Kitaar my kruis/Gitarre mein Kreuz aus dem Jahr 1961; dem Jahr, in welchem Südafrika das Commenwealth vorübergehend verließ und sich mit der von der Rassentrennung geprägten Constitution of the Republic of South Africa als Staat neu begründete. Das auf den ersten Blick unscheinbare Romeo- und Julia-Gedicht What abou’ de Lô? muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. Denn es stellt die grundsätzliche Frage nach der Legitimität des positiven Rechts und skizziert verschiedene Antworten auf das Problem, ob es einen über das positive Recht hinausgehenden Geltungsgrund desselben geben kann. Offenbar traut der Text den göttlichen Rechtsordnungen der Religionen ebenso wenig wie den von Menschen gesetzten Ordnungen eine letzte Begründung des Rechts zu. Er hofft aber, dass der Freitod von Diana und Martin keine Verzweiflungstat war, sondern zu einer Reform der bestehenden Rechtsordnung beitragen wird. Sie sterben nicht nur wegen des geltenden Gesetzes, sondern auch für ein gerechteres Gesetz, das erst noch kommen muss. Ihr Freitod aus Liebe erscheint daher nicht einfach als tragisch oder absurd, sondern als – so die Hoffnung – sinnstiftend.

Es ist diese ungewöhnliche Mischung aus komplexem Gehalt, hoher Emotionalität und populärer Liedform, welche den Text What abou’ de Lô? für einen Poesiefilm so geeignet macht. Charles Badenhorst (Jg. 1972) hat die Schwierigkeiten, die sich hier auf der audiovisuellen Ebene stellen, auf intelligente Weise gelöst. Sein Film entstand 2014 im Rahmen des von Diek Grobler geleiteten Projekts FILMVERSE, das sich der Verfilmung klassischer Afrikaans-Gedichte widmet.

Badenhorst umgeht eine Illustrierung des Textes, indem er dem Zuschauer einen ausschnitthaften Rezeptionskontext des Gedichts anbietet: Eine Person, von der wir nichts als seine oder ihre Hände zu sehen bekommen, bereitet einen Kaffee zu und zündet sich eine Zigarette an, wobei offen bleibt, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Dadurch und durch den Umstand, dass die Person im Bild kein Gesicht erhält, erhöhen sich die Identifikationsmöglichkeiten, und der transkulturelle Charakter des Themas bleibt gewahrt. Die Person schaltet das Radio ein und hört die Stimme von Adam Small. In der Küche erklingt das Gedicht von ihm wie eine aktuelle Meldung gesprochen, während wir den Verrichtungen der Hände folgen.

Das Voice-over wird durch einen sparsamen, aber effektvollen Einsatz von Geräuschen unterstützt: etwa das Transistorradio, der Dampfkessel, die Schritte, ein Hund, die Kühlschranktür, der Löffel, die Zigarette. Nach der ersten Minute, sobald gesagt wird, dass Diana und Martin ins Gefängnis kommen, setzt leise Musik ein. Das vom Autor selbst gesprochene Voice-over ist ein tragendes Element des Films. Der besondere Effekt der Stimme rührt daher, dass Adam Small für Badenhorst den Text über das Telefon eingesprochen hat. Die mediale Qualität des Voice-overs wurde so zum Ausgangspunkt für das narrative Konzept des Films.

Auch die visuelle Gestaltung ist zurückhaltend. Eine Übersetzung des Textes in filmische Handlung wird vermieden, die Konzentration des Betrachters nicht zu sehr vom Text weglenkt. Wir sehen profane Alltagsverrichtungen, die schmerzhaft die Differenz zur existentiellen Bedrohung des Liebespaares verdeutlichen, deren Geschichte im Gedicht erzählt wird. Dennoch erzeugen das leichte Vibrieren der Umrisslinien und die klare und helle Farbgebung sowie der Wechsel von horizontalen und diagonalen Bildkompositionen Dynamik. Die von Diek Grobler nachträglich gestalteten Untertiteln sind bewusst in der Bildkomposition platziert. Ihr Text erscheint nicht wie üblich am unteren Bildrand, sondern dort, wo er sich kompositorisch am sinnvollsten ins Bild einfügt.

All diese Aspekte zeigen, dass Badenhorst seinen Film mit Sensibilität und Respekt dem Text gegenüber gestaltet hat. Das Gedicht ist hier nicht einfach Anlass für eine Filmidee; vielmehr wird ihm ein audiovisueller Raum gegeben, in dem es seine emotionale Wirkung und seine besondere Nachdenklichkeit auf intensive Weise entfalten kann.

Adam Small
Was ist mit dem Gesetz?

Diana war ein weißes Mädchen
Martin war ein brauner Junge

Sie verliebten sich
Sie verliebten sich
Sie verliebten sich

Da sagte Dianas Familie
Was ist mit dem Gesetz?
Da sagte Martins Familie
Was ist mit dem Gesetz?
Da sagte ein jeder
Was ist mit dem Gesetz?

Da sagte Martin da sagte Diana
Welches Gesetz?
Gottes Gesetz?
Menschen Gesetz?
Teufels Gesetz?
Welches Gesetz?

Und ein jeder sagte:
Das Gesetz
Das Gesetz
Das Gesetz
Das Gesetz
Was ist mit dem Gesetz?
Was ist mit dem Gesetz?

Diana war ein weißes Mädchen
Martin war ein brauner Junge

Sie kamen ins Gefängnis
Sie kamen ins Gefängnis
Sie kamen ins Gefängnis

Da sagte Dianas Familie
Wir haben’s euch gesagt
Da sagte Martins Familie
Wir haben’s euch gesagt
Da sagte ein jeder
Wir haben’s euch gesagt

Da sagte Martin da sagte Diana
Was habt ihr uns gesagt?
Was Gott sagt?
Was der Mensch sagt?
Was der Teufel sagt?
Was habt ihr uns gesagt?

Und ein jeder sagte
Das Gesetz
Das Gesetz
Das Gesetz
Das Gesetz
Was ist mit dem Gesetz?
Was ist mit dem Gesetz?

Diana war ein weißes Mädchen
Martin war ein brauner Junge

Diana nahm sich das Leben
Martin nahm sich das Leben
Diana und Martin nahmen sich das Leben

Da sagte Dianas Familie
Oh Gott behüte sie
Da sagte Martins Familie
Oh Gott behüte sie
Da sagte ein jeder
Oh Gott behüte sie

Martin und Diana starben für das Gesetz
Welches Gesetz?
Gottes Gesetz?
Menschen Gesetz?
Teufels Gesetz?
Welches Gesetz?

Und ein jeder sagte
Das Gesetz
Das Gesetz
Das Gesetz
Das Gesetz
Was ist mit dem Gesetz?
Was ist mit dem Gesetz?

Übers. G. Naschert

Informationen zum Film

  • What abou’ de Lô / What about the law
  • Südafrika 2014, 3:15 Min.
  • Regie: Charles Badenhorst
  • Text u. Voice-over: Adam Small (1936–2016). – Das Gedicht erschien zuerst in: Kitaar my kruis (dt. Gitarre mein Kreuz). Pretoria: Hollandsch Afrikaansche Uitgevers Maatschappij (HAUM) 1961, S. 52–54.
  • Untertiteln: Diek Grobler
  • Filmprojekt: Filmverse
  • Preise: Bester experimenteller Film auf dem Indie Karoo Film Festival 2015, Gewinner des Jurypreises beim 1. Weimarer Poetryfilmpreis 2016; Besondere Auszeichnung der Jury beim Festival Silêncio! in Lissabon 2016.
  • Literaturhinweise: Michael Cloete: Language and politics in the philosophy of Adam Small: some personal reflections. In: Tydskrif vir Letterkunde Vol. 49 Nr. 1 (Pretoria, Januar 2012), sowie die rechtsphilosophische Gedichtanalyse von Dirkie Smit: »Whose Law?« South African Struggles with Notions of Justice. In: Religion and Human Rights. Global Challenges from Intercultural Perspectives. Hg. von Wilhelm Gräb u. Lars Charbonnier. Berlin 2015, S. 149–174.

Mehr zum Thema
Die Gewinner des 1. Weimarer Poetryfilmpreises
Charles Badenhorst on his short »What about the law«
Diek Grobler: What about the voice?

+ posts