Essay, Magazin
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Videopoesie, oder: Die Faszination der Gattungsmischung

Als ich Anfang der 90er-Jahre in meiner Heimatstadt Gijón Theater studierte, war ich besonders von zwei Videos beeindruckt, die in unseren Kursen gezeigt wurden: Dead Dreams of Monochrome Men der englischen Gruppe DV8 Physical Theatre und Die Klage der Kaiserin der großartigen Pina Bausch. Diese Arbeiten von Schlüsselfiguren der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts haben mich seither aus verschiedenen Gründen begleitet: vor allem wegen ihrer Mischung der künstlerischen Gattungen (Tanz, Performance, Video) vereint mit einem gehaltvollen Inhalt und lebensverändernden Botschaften.

Diese Videos, die man heute leicht auf YouTube finden kann, waren mit nichts Ähnlichem vergleichbar, das ich bis dahin gesehen hatte: Es waren keine Filme, es waren keine Theaterstücke und auch keine traditionellen Tanzaufführungen. Sie waren etwas Neues, eine Mischung von Gattungen, visionäre und bahnbrechende Werke, wenigstens bedeuteten sie dies für mich. Die Entwicklung der neuen Technologien hat neue künstlerische Experimentierfelder eröffnet, der allgemeine Zugang zu ihnen erlaubt die Weiterentwicklung und die Verbreitung neuer Gattungen, neuer Gattungsmischungen; wir sind privilegierte Beobachter dieser revolutionären Umwälzungen, und der Prozess hat gerade erst angefangen. Das Experimentieren an sich ist natürlich nicht neu. Man muss nur auf die ersten Jahre des Kinos zurückblicken und die wunderbaren Filme der Surrealisten betrachten, die den Avantgarden des 20. Jahrhunderts den Weg gebahnt haben. Die Werke, bei denen Samuel Beckett für das Kino und das Fernsehen Regie geführt hat, die Videoinstallationen von Bill Viola, um nur zwei weitere grundlegende Künstler zu nennen, sind Beispiele für die Mischung von Gattungen und Einflüssen, dafür, wie man in der Kunst Risiken eingeht und inspiriert.

Ich betrachte die Videopoesie als einen perfekten Ort für das Zusammenfließen von Gattungen, doch mag ich auch an sie als eine autonome Gattung denken, wo wir stets – auf welche Art auch immer – auf das Gedicht treffen. Der poetische Charakter des Bildes ist vom Gedicht unabhängig, die Geschichte des Kinos ist voll von poetischen Bildern, ich denke etwa an Tarkovsky (schuf er nicht die erhabensten Videopoeme, als er in den Filmen Stalker oder Mirror die Gedichte seines Vaters verwendete?). Es ist möglich, dass ein Videopoem – verstanden als die Mischung von Bild, Ton und Gedicht – redundant wird. Für mich besteht die Herausforderung, die Faszination der Gattungsmischung gerade darin, nicht redundant zu sein, sondern etwas Neues zu bieten, zu erzählen, zu suggerieren, neu zu interpretieren, ein neues Werk im Ausgang vom Gedicht zu schaffen. Das ist der Teil der Machens von Videopoemen, der mich am meisten interessiert, ein Gedicht als Basis zu nehmen wie ein Trampolin, um ein verschiedenes Werk zu erzeugen, mit großen experimentellen Anteilen, die aus der kinematographischen Sprache stammen, aber ebenso aus der Malerei, der Musik, dem Tanz oder welcher anderen künstlerischen Disziplin auch immer, die im Video Gebrauch finden kann. Und zugleich sollte der Videokünstler eine persönliche Lektüre des Gedichtes anbieten, die die Erfahrung des Betrachters/Lesers erweitert und so eine neue Perspektive eröffnet und ihn dazu herausfordert, in seinem Textverständnis weiterzugehen.

Manchmal, als Betrachter, stelle ich geringere Ansprüche an den Text als an die Bilder, obschon das Ideal eine Verbindung beider wäre, so dass Text und Bild aufeinander antworten. Schon vor einiger Zeit habe ich mich dafür entschieden, wenigstens in meinen persönlichsten Videoprojekten nur Gedichte zu benutzen, die mich emotional bewegen; das sind solche, die es mir erlauben, mich als Künstler zu hundert Prozent in die Waagschale zu werfen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die ununterbrochen Bilder konsumiert. Obschon die Videopoeme nur von kurzer Dauer sind (sagen wir mal im Allgemeinen zwischen 2 und 5 Minuten), ist diese Dauer endlos, wenn wir an die Quantität der Videos denken, die im Internet angeboten werden, an die Geschwindigkeit, mit der sie reproduziert werden und die wenige Zeit, die uns bleibt, ihnen zu folgen. Wir können uns viele Videopoeme ansehen, aber wieviele davon sehen wir zweimal? Oftmals ertrinken unsere Anstrengungen, Grenzen zu überschreiten (wenn es die überhaupt gibt), in diesem Meer der Bilder. Ich bin überzeugt, dass auch die Videopoesie ein Raum der Langsamkeit, der Konzentration und der Reflexion sein kann (ebenso wie es die Poesie ist). Die Banalität fliehen, die Oberflächlichkeit, ist ein Punkt, der mich beschäftigt. Zu versuchen, eine bestimmte Tiefe des Inhalts zu erreichen, ist keine einfache Aufgabe. Als Künstler verlange ich immer eine Übereinkunft mit meinen Bilder in Reflexion, Absicht und Richtung, mit dem, was ich auszudrücken wünsche, bevor ich meine Werke zu schaffen beginne oder sie Anderen zeige. Was möchte ich erzählen? Wie möchte ich es erzählen? Wozu möchte ich es erzählen? Nur wenn es eine innere Bewegung gibt, die mich den Nutzen meiner Anstrengungen empfinden lässt, beginne ich zu erforschen und zu analysieren, welche Bilder es sind, die ein Gedicht in meinem Kopf produziert, ob es sich lohnt, sie in ein Video umzuwandeln, ob sie etwas Interessantes beisteuern, ob sie dem etwas hinzufügen, was ich im Allgemeinen mit meinen Werken vermitteln möchte. Obschon es nicht immer gelingt, glaube ich natürlich, dass sich die Mühe lohnt.

Während dieser Suche entdecke ich die Faszination der Videopoesie, eine Faszination, die sich auf meine Videos übertragen soll. Wie es weitergeht, ist natürlich ein Geheimnis.

Übers. aus dem Spanischen von C. Giraldo Vélez / G. Naschert

INFORMATIONEN ZUM AUTOR

Eduardo Yagüe hat Theaterwissenschaft und spanische Philologie studiert und anschließend als Schauspieler und Schauspiellehrer gearbeitet. Als Videokünstler ist er erst seit Kurzem, dafür jedoch sehr intensiv unterwegs. Seine Filme wurden auf verschiedenen Festivals für Videopoesie und Videokunst innerhalb und außerhalb Spaniens gezeigt. Sein Interesse gilt vor allem der Gattungsmischung, außerdem sucht er die Grenzen und Interaktionen der poetischen und kinematographischen Sprache. Seine Videos zeichnen sich besonders durch die Rolle der Schauspieler sowie durch die Wahl starker und emotional bewegender Gedichte aus.

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