Film des Monats

The Polish Language

Film des Monats Juni 2015 •

Dieser Poesiefilm ist eine Hommage an die subversive Kraft der Literatur. Er erinnert an den Teil der polnischen Lyrik des 20. Jahrhunderts, die nur illegal gedruckt und heimlich gelesen werden konnte. In »The Polish Language« nähern sich Alice Lyons und Orla Mc Hardy dem Thema über die Materialität von Sprache und Schrift.

Alles begann in der Hauptsynagoge von Krakau. Ihre besondere Akustik ließ die Dichterin Alice Lyons auf ein Pärchen aufmerksam werden, das sich in einer gedämpften, zischenden und konsonantenreichen Sprache miteinander unterhielt. Dieser auditive Moment war so stark und eindrucksvoll, dass er zum eigentlichen Ausgangspunkt des Films The Polish Language wurde. Und das, obschon das gleichnamige Gedicht, welches dem Film zugrunde liegt, bereits einige Jahre zuvor entstanden war.

Alice Lyons gehört zu den Autorinnen, die nach neuen medialen Möglichkeiten und Kontexten für (ihre) Lyrik suchen. Die 1960 in Paterson New Jersey geborene Dichterin stammt aus einer irisch-amerikanischen Familie und wuchs in den USA auf, wo sie Europäische Ideengeschichte, Soziolinguistik und Kunst studierte. Ihre Liebe zur Poesie entdeckte sie in den 1970er Jahren in den Lyrikkursen von William Meredith’s (1919–2007). Später unterrichtete sie selbst englische Literatur und Sprache sowie Kunst und Design, ehe sie 1998 nach Irland zog. Seitdem widmet sie sich der Schriftstellerei und arbeitet als Kuratorin und Dozentin. Der polnischen Kultur fühlt sie sich seit langer Zeit verbunden.

Was sie unter einem Poesiefilm versteht, hat Lyons einmal folgendermaßen zusammengefasst: »Films can be a variant of a poetry reading. They can capture the rhythm and sound of words; they can, of course, give the poem a visual dimension. I loved the idea of using film to extend a poem, not illustrate it.« Genau diese Erweiterung ihres Gedichts The Polish Language ist auch im Film zu beobachten, der es keineswegs bloß auf die visuelle Adaption ihres eigenen Textes abgesehen hat. Vielmehr werden von Beginn an weitere Gedichte als Voice-over über das Bild gelegt, die zum melancholisch-nostalgischen Eindruck beitragen und dem Film einen geschichtlichen Tiefenraum eröffnen. Man hört knisternde Aufnahmen von Tadeusz Różewicz (1921–2014), Zbigniew Herbert (1924–1998) und der Krakauer Dichterin Wisława Szymborska (1923–2012), die zu den bedeutendsten Stimmen ihrer Generation zählen. Alice Lyons erläutert: »I chose to work with Szymborska, Różewicz and Herbert readings in the soundtrack as they are part of the postwar Polish group of poets who were on our minds in the making of the film.«

Ein zentraler Aspekt bei der Filmgestaltung war die Suche nach den richtigen Schrifttypen, deren Abfolge den Film strukturieren. Lyons/Mc Hardy haben vor allem modernistische Fonts gewählt, die an die Typographie und Ästhetik der polnischen Plakatschule und Animation der 1980er Jahre erinnern. Daneben verleiht die Vielfalt der Medien und Materialien dem Film seine visuelle Spannung. Von der Handschrift, dem Manuskript und der Schreibmaschine bis zur Druckerpresse verfolgen wir Stationen des Publizierens und sehen, wie sich der Text durch Stempeldrucke, Collagen und Scherenschnitte, über Pergamentpapier, Handzeichnungen und Geheimschriften, ja sogar Häuserwände und Beton fortsetzt.

Diese einander in ungewöhnlicher Weise abwechselnden Materialien evozieren eine ganze Welt des klandestinen Schreibens, das in der polnischen Literatur eine lange Tradition hat. Der Widerstandskämpfer und Agent Jan Karski (1914–2000) bemerkt in seinen Erinnerungen an die polnische Untergrundarbeit während des 2. Weltkriegs: »Vor dem Krieg hatte ich keine Vorstellung, was für eine ungeheure Wirkung Dichtung auf ein Volk haben kann, das für ein Ideal kämpft. Keine Untergrundzeitung erschien ohne Gedicht. […] Die Untergrundpresse war nicht nur ein politisches und militärisches Sprachrohr, sondern auch ein Medium für Kultur und Religion.« (Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund. München 2011, S. 386) Die drei im Film zu hörenden Schriftsteller sind in diesem Erfahrungsraum aufgewachsen, dessen harte Realität in einer kurzen Diasequenz angedeutet wird.

The Polish Language ist als Gedicht und Film den Autorinnen und Autoren gewidmet, die nur unter schwierigen Bedingungen künstlerisch am Leben bleiben konnten. Der Poesiefilm von Alice Lyons und Orla Mc Hardy ist daher weit mehr als eine Gedichtverfilmung. Er lässt etwas von der beklemmenden Atmosphäre der Unterdrückung erahnen und erinnert an den Überlebenswillen der Betroffenen.

Alice Lyons

The Polish Language

If language could shrug shoulders,
raise eyebrows or turn palms up
you might have a tiny idea.

A poultice of sliced onions on the throat
may help you speak it.

Cats are known to rub up against its sibilance.

Crush a cherry and a beet to arrive at its colour:
czerwony.
If that fails to convince, make a soup.

To make an effigy you’d need a lot of concrete
(more than you think)
a stork, some amber, honey from bees that live near rape
a quantity of shirts freely removed from the backs
of anyone you meet and a great deal of wood
from a primeval forest.

When you are fed up with the world
STOP
and just listen.

As a matter of fact
in this sonorous, consonant tongue
my art was revivified.

My Polish brothers and sisters in art
(the ones who survived)
robbed of flint
you made fire
out of evil
you wrote live.

(2002)

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.



Alice Lyons

Die polnische Sprache

Wenn die Sprache mit den Achseln zucken,
die Brauen hochziehen oder die Handflächen nach oben drehen könnte,
würdest du eine ungefähre Vorstellung davon bekommen.

Etwas Brei kleingeschnittener Zwiebeln in der Kehle
kann dir helfen, es auszusprechen.

Katzen reiben sich bekanntlich an ihrem Zischen.

Zerdrücke eine Kirsche und Rote Bete um ihren Farbton zu treffen:

czerwony.
Wenn das nicht überzeugt, koche eine Suppe daraus.

Um ein Bild davon zu machen, bräuchtest du viel Beton
(mehr als du denkst),
einen Storch, etwas Bernstein, Honig von Bienen, die am Raps leben,
eine Menge Hemden, ausgezogen vom Rücken 
aller, denen du begegnest, und jede Menge
Urwaldholz.

Wenn Du der Welt überdrüssig bist
STOP
und lausche.

Tatsächlich wurde meine Kunst
in dieser volltönenden, konsonantenreichen Aussprache
wiederbelebt.

Meinen polnischen Brüdern und Schwestern in der Kunst
(denen, die überlebten)
der Zündhölzer beraubt
habt ihr Feuer gemacht
aus dem Übel
Leben geschrieben.


Übers. A. Helmcke/G. Naschert

Informationen zum Film

  • The Polish Language 
  • Irland 2009, 8:22 Min.
  • Regie: Alice Lyons u. Orla Mc Hardy
  • Text: Alice Lyons
  • Produzent: Steve Woods
  • Sound u. Musik: Justin Spooner
  • Preise: u.a. ›Beste Animation‹ Galway Film Fleadh 2009; ›Beste Animation‹ Kerry Film Festival 2010; ›Besondere Erwähnung‹ Corto International Film Festival Mexiko 2010; Nominierung in der Kategorie ›Beste Animation‹ bei den Irish Film & Television Awards 2010