Film des Monats

The Desktop Metaphor

Film des Monats Juni 2018 •

Im Poesiefilm The Desktop Metaphor von Helmie Stil wird der Fotokopierer zum Symbol der Einsamkeit und der Leere des menschlichen Lebens. Der Film basiert auf einem Gedicht von Caleb Parkins und gewann 2018 den Hauptpreis beim 3. Weimarer Poetryfilmwettbewerb.

Jede Generation hat technische Geräte, mit denen sie ihre Lebenszeit verschwendet. Wie gerne hätte man all die Monate wieder zurück, die man im Studium sinnlos am Kopierer verbracht hat. Sinnlos erscheint es natürlich erst jetzt, wo es der Kopierorgien nicht mehr bedarf, weil das Kopierte inzwischen digital und online zu lesen ist. Obschon sein maschinelles Verfallsdatum näherzurücken scheint, ist der Kopierer – vor allem in Behörden – immer noch ein mächtiges Instrument zur Verwaltung des Lebens. Caleb Parkin und Helmie Stil haben ihn in Gedicht und Film zu neuen Ehren gebracht.

Die niederländische Filmemacherin Helmie Stil lebt und arbeitet in Großbritannien. Nach ihrem Abschluss an der Kunsthochschule Utrecht produziert sie seit 2006 ihre eigenen Filme, unter denen bereits einige Poesiefilme sind. The Desktop Metaphor wurde von ›Filmpoem‹ und der Londoner Poetry Society in Auftrag gegeben, da das gleichnamige Gedicht von Caleb Parkin 2016 den zweiten Preis der National Poetry Competition gewonnen hatte.

Der in Bristol lebende Parkin hat für das Gedicht eine interessante Form gewählt. Es gleicht in seiner antiphonischen Komposition einem Wechselgesang. Wie im musikalischen Call-and-Response kopieren die linken Verse die rechten in drei Storphen aus acht, sieben und wieder acht Zeilen. Dadurch entsteht eine Struktur, die Echo-Gedichten gleicht und die nur gelegentlich leicht aufgebrochen wird, wenn sich die Verse nicht ganz identisch wiederholen.

Einer der Londoner Juroren der Poetry Society, Jack Underwood, hat über Parkins Gedicht geschrieben: »I really like the way that the form and the repetitions in this poem make for something a bit churchy, a bit call-and-response, and at the same time the way the phrases develop and mutate, layering up each assertion. By the end the poem has come full-circle, but it’s not the same circle we started off with: something has been shifted. Also I love ›The Great Stapler‹ and the ›Photo Copier‹, which lend a humorous, imaginative tone to the grinding office job the ›Gods of our Days‹ undertake in their administration of the ›things that matter‹. It’s weird, and smart, and confident, bringing something vast, strange and unresolvable within reach.«

Es ist diese besondere Form des Gedichts, die den Kopierer ins visuelle Zentrum gerückt hat. Wobei es ein schönes Element in Helmie Stils Film ist, dass man eine Weile benötigt, um überhaupt zu verstehen, woher die Bilder stammen, die man sieht. Und selbst in dem Moment, wo man verstanden hat, dass die Formen und Farben aus dem Licht eines Kopierers gezeichnet werden, bleiben sie vage und assoziationsreich. Man fühlt sich in eine andere Dimension des Alltäglichen versetzt.

Die Regisseurin bemerkt: »The main idea was to focus visual on the scanner, I’ve filmed different angles of the lights of the scanner. And because the poem is readable in different ways I was thinking of doing something with a split screen. So, on one side of the screen you see the light of the scanner, scanning, and on the other screen you see what’s been scanned. I’ve scanned many things that you can’t name and some you can. What I felt in the poem is the emptiness of life, the feeling we should always put names on things instead of just feeling it, that we make things very important while there are many more important things in life. So, the scanner is symbolizing our life, scanning through it. The scans are representing the things we put/are ›important‹ in our lives, like the Great Stapler. I was very surprised and pleased to see what you can do with the scanner visually. An isolation of life, scanning through it.«

Beim dritten Weimarer Poetryfilmpreis 2018 überzeugte der Film die Jury und gewann den Hauptpreis. In der Begründung heißt es: »Ein Poetryfilm ehrt das Gedicht, auf dem er aufbaut, und verbindet es mit der künstlerischen Interpretation der Regisseurin zu einem Walzer auf Augenhöhe. The Deskop Metaphor der Regisseurin Helmie Stil zeigt etwas so Alltägliches wie einen Photokopierer und verwandelt diesen in ein Monument, das uns in den zeitlosen Raum zwischen den Galaxien trägt. Inzwischen bereits ein archaischer Teil der Büroausstattung, gibt es sie immer noch: die Photokopierer. Und sie werden uns wohl noch eine Zeitlang erhalten bleiben. Anscheinend sind wir auf diese Maschine angewiesenen – den ›Gott unserer Tage‹, wie es im Gedicht von Caleb Parkin heißt, den ›Großen Stapler‹. Die präzise litaneiartige Sprache von Caleb Parkin verbindet sich meisterhaft mit dem Rhythmus der Montage und der Klänge. Die Verse kopieren sich selbst und werden so zur Kopie der Kopie. Wohin gehen wir, wenn ›names do not matter‹, wenn Namen nichts mehr bedeuten und der Photokopierer zum Schöpfer wird.«

In Zeiten des digitalen Copy-and-Paste wirkt der ›Große Stapler‹ auf bezaubernde Weise antiquiert. Wie ein mächtiger Maschinengott aus einer langsam untergehenden Zeit.

        The Desktop Metaphor
         by Caleb Parkin
Informationen zum Film
THE DESKTOP METAPHOR
Großbritannien 2017 • Realfilm • 2:48 min
Regie: Helmie Stil
Text: Caleb Parkin
Preise: Gewinner des Jurypreises beim 3. Weimarer Poetryfilmpreis 2018.

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