Interview, Magazin

Susanne Wiegner im Interview

»In meinen Filmen kann man sich niemals sicher sein, wo man sich befindet.«

Susanne Wiegners Film THE LIGHT — THE SHADE  ist unser FILM DES MONATS NOVEMBER 2016.


Poetryfilmkanal: the light – the shade ist nicht der erste Film, in dem Du ein Gedicht als Ausgangspunkt wählst. Aus welchem Grund interessierst Du Dich für diese Verbindung?

Susanne Wiegner: Die Verbindung entstand ganz allmählich. Ursprünglich war ich kein Leser von Lyrik, sondern lese viel Prosa und beschäftige mich mit dem Erstellen von virtuellen Räumen mit Hilfe von 3D-Software. Ich habe dann bemerkt, dass mich in der Literatur ganz besonders das Thema ›Raum‹ anspricht, insbesondere in den Texten von Franz Kafka; so war es für mich naheliegend, diese beiden Bereiche zu verbinden.

Meine ersten eigenständigen Filmprojekte waren die Umsetzung der Verwandlung von Franz Kafka in ein virtuelles Raummodell und ein Film über das Zimmer Kafkas, das er in seinem Tagebuch am 4. Oktober 1911 beschreibt. Der Gedichtfilm war dann ein fast logischer weiterer Schritt – wegen der Kürze, der Verdichtung und der Abstraktionsmöglichkeit für mich ideal, um meine Vorlieben, Literatur und Raum zu verbinden.

Wann entstand Dein erster Film, der auf einem Gedicht basiert?

Im Rahmen meines »Schreibraum«-Projektes im Jahr 2002. Ich habe für zehn verstorbene Dichter moderne Räume, wie z. B. ein Baumhaus, ein Ufo oder einen Raumlift, entwickelt, in denen sie hätten schreiben oder in denen ihre Literatur hätte entstehen können. Hier entstanden die ersten Filme zu Gedichten von Friedrich Hölderlin, Annette von Droste-Hülshoff, Gottfried Benn, Bettina von Arnim etc. Das Projekt wurde mehrfach als Lese-Performance mit Schauspielern aufgeführt.

Du hast mehrere Gedichte von Robert Lax als Grundlage für Deine Filme genommen. Wie bist Du auf ihn gestoßen? Was inspiriert Dich besonders an seinen Gedichten?

Zu Robert Lax und seinen Gedichten kam ich durch die Videoinstallation Three Windows – eine Hommage an Robert Lax von Humbert und Penzel, die 1999 im Haus der Kunst in München gezeigt wurde. Robert Lax ist einer der wichtigsten Vertreter der Minimal poetry in den USA und hat einen großen Teil seines Lebens zurückgezogen, fast wie ein Eremit, auf der griechischen Insel Patmos gelebt. Humbert und Penzel haben ihn dort über mehrere Jahre hinweg immer wieder besucht und das dabei entstandene Ton- und Filmmaterial für ihr Film-Triptychon verwendet. Ich war sofort fasziniert von den Gedichten, der Stimme, der Person, der Landschaft und dem direkten Lebensumfeld von Robert Lax. Diese Übereinstimmung zwischen Leben und Werk hat mich begeistert.

An seinen Gedichten gefällt mir zum einen die Thematik, die Beschreibung von Alltagsmomenten, aus denen unser Leben besteht, die wir jedoch kaum wahrnehmen, die wir viel zu oft unaufmerksam vorbeiziehen lassen und zum anderen das vertikale Schriftbild, das von Robert Lax entwickelt wurde, um den Leser zur Langsamkeit und Aufmerksamkeit anzuhalten. Diese untereinander gesetzte Abfolge von Buchstaben beziehe ich ganz bewusst in meine Filme mit ein. So entstand auch mein erster Film just midnight, in dem ich nur mit dem Schriftbild arbeite, ohne Voice-over. Robert Lax beschreibt hier lediglich einen kurzen Moment um Mitternacht, als es zu regnen beginnt. An der Umsetzung hat mich auch ganz besonders das Thema ›Zeit‹ interessiert. Der kurze Augenblick, eigentlich nur ein Wimpernschlag, der sich jedoch durch die Poesie vertieft und dehnt. Als ich den Film gemacht habe, wusste ich noch gar nicht, dass es das Genre ›Poetryfilm‹ überhaupt gibt.

Wie siehst Du seine ›Spiritualität‹ in Deinen Filmen aufgehoben? Ist diese überhaupt wichtig oder soll sie bewusst in den Hintergrund gestellt werden?

Robert Lax’ ›Spiritualität‹ im religiösen Sinne spielt in meinen Filmen überhaupt keine Rolle, und in diesem Kontext würde ich sie auch bewusst in den Hintergrund stellen. Spiritualität im weiteren Sinn, also im Sinne von meditativem Erleben oder Konzentration auf das Gegenwärtige oder Vertiefung auf das Geistige finde ich für meine Arbeiten wiederum wichtig. Wobei ich seine Gedichte ganz bewusst intuitiv, visuell umsetze und nicht vorab versuche, sie theoretisch zu interpretieren; das ist eine Vorgehensweise, die mir auch nicht liegt und mich eher blockiert.

Der Film lebt von den steten Kamerafahrten, die immer neue und unerwartete Bezüge zwischen Raum und Schrift aufdecken. Wie konzipierst Du diese?

Ich beginne meine Filmprojekte, ohne dass ich ein konkretes Konzept habe, meist mit einer einzigen, spontanen Idee. Beim Film the light – the shade war meine Anfangsidee die Worte ›rot‹, ›blau‹, ›weiß‹ und ›schwarz‹ zu einem Bild zerfließen zu lassen. Den Film habe ich dann wie eine Reise von meinem Arbeitstisch aus, durch das Gedicht und dem Rhythmus des Gedichts folgend zu dieser Schlüsselszene und wieder zurück angelegt. Ich arbeite auch nicht mit einem Storyboard. Alle Ideen entstehen während der Arbeit am Computer. Wenn ich mit einem Film beginne, ist es für mich fast wie eine Expedition ins Ungewisse. Dafür steht vielleicht auch die Sequenz am Anfang des Films, als die Kamera in den Bildschirm des Laptops in einen dahinterliegenden Raum, der aus Buchstaben gebildet wird, eintaucht. In der 3D-Animation habe ich den Vorteil, dass ich die Welt, die ich filmen möchte, selbst bauen kann. Ich erkunde dann das so Gebaute, wie zum Beispiel die Abfolge von Buchstaben, mit der Kamera, wobei sich für mich spannende Raumeinblicke ergeben. So entwickle ich letztlich Szene für Szene.

Wie viel Bedeutung misst Du den Räumen und Gegenständen bei, die Du schaffst, und was für eine Bedeutung haben Lichtsetzung und Farbe? Kurz gesagt: Auf was möchtest Du den Zuschauer aufmerksam machen?

Ich bin im Bereich der Architektur zur 3D-Animation gekommen, um Räume zu visualisieren und habe mir die entsprechenden Programme selbst angeeignet. Allein aus diesem Grund liegt mein Hauptaugenmerk auf dem Raum. Ich arbeite im Bereich der 3D-Animation nicht mit Charakteren bzw. Figuren, was normalerweise üblich ist, denn gerade zu animierten Figuren stellt der Zuschauer schnell eine Beziehung her. Ich versuche hingegen Spannung oder Emotionalität durch Räume, Objekte oder bestimmte Atmosphären, also Farbe und Licht zu schaffen. Räume entstehen in meinen Gedichtfilmen schon durch die in die dritte Dimension gesetzten Buchstaben, die agieren oder wiederum zu Projektionsflächen werden. Ich arbeite in meinen Filmen auch gerne mit einer einzigen Kamerafahrt ohne Schnitte und versuche die vielfältigen, räumlichen Veränderungen aus der Szenerie heraus zu entwickeln, nur dann ergeben sich auch gewisse ›Überraschungsmomente‹ für den Zuschauer. In meinen Filmen kann man sich niemals sicher sein, wo man sich befindet. Licht und Schatten spielen in meinen Filmen eine sehr große Rolle und natürlich ganz besonders bei the light – the shade. Bei der Anfangsszenerie, als die Kamera von der Straße in das Zimmer führt, verwende ich 20 verschiedene Lichtquellen, um die entsprechende Atmosphäre zu erzeugen, was natürlich sehr aufwendig und langwierig ist. Farben setze ich eher zurückhaltend ein, was vielleicht damit zusammenhängt, dass mich generell melancholische Stimmungen eher ansprechen. Wie immer bei meinen Lax-Filmen endet der Film auf einem Blatt Papier. Das ist meine Hommage an den Datenträger, der uns durch all die Jahrhunderte am verlässlichsten begleitet hat und dessen Zuverlässigkeit ich seit meinen digitalen Arbeiten ganz besonders zu schätzen gelernt habe.

Würdest Du Deine Filme als ›minimalistisch‹ bezeichnen?

Im Bezug auf die reine Technik also im Vergleich zu den üblichen 3D-Animationen, die versuchen die Realität möglichst exakt und detailgetreu nachzubilden, würde ich die Frage bejahen. Im Vergleich zu den minimalistischen Gedichten von Robert Lax würde ich die Frage verneinen, da ich hier gerade die verdichtete Sprache in meine eigenen Bildwelten wieder auffächere, also hier mit meinen Filmen gegen die sprachliche Reduktion von Robert Lax arbeite.

Was zeichnet für Dich einen gelungenen Poetryfilm aus?

Poesie an sich ist eine sehr freie Kunstform, da sie nicht wirklich an Regeln gebunden ist. Die einzige Materie ist die Sprache, die bei jedem Leser oder Zuhörer Bilder erzeugen kann und einen ganz individuellen Assoziationsprozess in Gang setzt, der ebenfalls an keine Regeln gebunden ist und immer wieder neu entsteht und sich wieder verflüchtigt. Im Deutschen haben wir dafür den schönen Begriff des ›Kopfkinos‹. Ein Poetryfilm schränkt diese Freiheit zwangsläufig ein, da er das Gedicht auf bestimmte Bilder festlegt. Ein Gedichtfilm, der mich aber dennoch spüren lässt, und sei es auch nur in kurzen Momenten, da öffnet sich etwas, das ich nicht rational einordnen oder in Worte fassen kann, ein Gefühl von irgendetwas Anderem hinter der Leinwand oder der Welt wie ich sie kenne – das sind für mich geglückte Augenblicke innerhalb eines Poetryfilms.

An welchem Projekt arbeitest Du gerade? 

Ich habe zwei Filme fertiggestellt. Ein Gedichtfilm zu Robert Lax’ contemplation is watching, hier arbeite ich – wie schon beim ersten Lax-Film – ohne Voice-over nur mit Bild und Schrift. Der Film gibt auch Hinweise auf Robert Lax’ Biografie. Der zweite Film ist Future in the Past. Kein Gedichtfilm, aber wiederum eine ›Raumerzählung‹, sehr surreal und in seiner Farbigkeit eine Hommage an Edward Hopper. Der Film besteht aus einer einzigen Kamerafahrt durch ganz unterschiedliche Raum- und Bildwelten. Er ist als Zeitschleife angelegt, beginnt und endet im selben Raum, und ich habe den Film vom Ende her ›gedreht‹, also tatsächlich ein »Future in the Past«.

Über die Autorin

Susanne WiegnerSusanne Wiegner studierte Architektur an der Akademie für Bildende Künste in München und am Pratt Institute in New York. Neben Projekten im realen Raum schafft sie seit mehreren Jahren 3D-Animationen, die Literatur und virtuellen Raum verbinden. Ihre Werke werden in Gruppenausstellungen und auf internationalen Festivals gezeigt. Sie arbeitet und lebt in München.