Film des Monats

On Loop

Film des Monats Mai 2015

Four in the morning, crapped out, yawning« (»Vier Uhr morgens, völlig durch den Wind, gähnend«) – so beschreibt Christine Hooper ihren eigenen Film. Und kürzer ist er kaum in Worte zu fassen. »On Loop« greift das Thema der Schlaflosigkeit auf und versucht diesen surrealen Zustand in Wort und Bild zu gestalten.

Wer kennt nicht jenen traumschweren Moment, wenn wir aus dem Schlaf gerissen mit müden Augen die Umwelt unseres Bettes erkunden und die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit noch fließend sind. Die britische Filmemacherin Christine Hooper hat darüber einen Poesiefilm gedreht, der noch eine andere Grenze fragwürdig erscheinen lässt: die zwischen Gedichtverfilmung und Filmgedicht.

Entstanden ist das Kunstwerk am Royal College of Art in London (dort unterrichtet übrigens auch Tim Webb, siehe unseren Film des Monats April). Christine Hooper hat mit On Loop vor zwei Jahren ihren Abschluss gemacht. Seitdem ist der Film bereits mehrfach prämiert worden und lief auf renommierten Animationsfestivals, so unter anderem in Annecy, auf dem ASFF, Animated Exeter und dem Cutout Fest.

On Loop versetzt uns in den Betrachterstandpunkt einer im Bett liegenden Frau, nennen wir sie die ›Schlaflose‹, deren Pyjama samt Bettdecke den Vordergrund eines Zimmerausschnitts bildet. Dieser nahtlose Übergang von Bett und Raum ist inzwischen in Poesiefilmen zur Begründung einer surrealen Formsprache geläufig. Die Dekoration des Zimmers folgt einer Traumlogik, die durch eine bunte, hypnotisierende Farbgebung aus Rot- und Grüntönen unterstrichen wird. Für Letzteres wird der Maler David Hockney gelegentlich als Referenz genannt. Hooper selbst gesteht in Interviews außerdem ihre Faszination für die (Musik-)Videos Michel Gondrys: »If you like Michel Gondry’s work, hopefully you will like my film! His work is a big influence on me; from how he tells narratives through nonconventional formats, to his use of colour and his playful tone.« Zu dieser spielerischen Erzählform gehört auch der unklare Status der Dinge. In der Sprache Sigmund Freuds handelt es sich hier um mit unbewusster Bedeutung aufgeladene ›Tagesreste‹ der Schlaflosen, die aber trotzdem als räumliche Gegenstände weitgehend motiviert bleiben. Andere Elemente fungieren hingegen eher als ›Trigger‹ von Ängsten (der Mann mit der Maske etwa oder die weibliche Autoritätsperson, die mit ihrem Urteil »Interesting!« die Schlaflose stresst). In dieser magischen Halbschlafwelt sind die Grenzen von Innen und Außen bedrohlich instabil.

Zur Traumlogik des Films passend wurde für das Voice-over die Schauspielerin und Comedian Susan Calman ausgesucht, die mit ihrem schottischen Akzent sehr zur Stimmung des Films beiträgt. Dazu Hooper: »The most challenging part is combing the picture and the sound so they work together to tell the narrative, not one just illustrating the other. This was one of the biggest challenges when making On Loop – I wanted the visual and the voice over to be inseparable.« In der Tat kann man sagen: Text und visuelle Information ergänzen sich, statt sich gegenseitig ihren Zauber zu nehmen.

Alles beginnt im Dunkeln. Wir sind in die Position der Aufwachenden versetzt. Sie schlägt die Augen auf und – noch bevor sie ihre Umgebung klar wahrzunehmen beginnt – spricht sie einen Vorwurf aus: »You made me break my paper weight.« An wen ist er wohl gerichtet? Der vorige Tag war offenbar kein angenehmer. Während die Umgebung zunehmend aus der Unschärfe und Dunkelheit hervortritt (mit »what’s that noise?« schaltet die Hauptprotagonistin die Nachttischlampe an, 1:06 Min.) und den Blick auf das Schlafzimmer freigibt, wird die Irrationalität der Gedanken-Loops (»Will tell him how I feel tomorrow … but maybe now«), Überlegungen (»Could have a green tee but don’t wanna wee«) und wiederkehrenden Befürchtungen (»Did I turn the cooker off? I must have turned the cooker off!«) der Schlaflosen deutlich. Die latente Beunruhigung und die Mühe, mitten in der Nacht einen klaren Gedanken zu fassen, wird auf der Textebene über Wortspiele gelöst: »What did she mean? Was it mean what she meant?« (ab 1:11 Min.). Diese quasi nach psychoanalytischen Vorgaben gestaltete Sprache wirft die Frage auf, ob wir es hier ausschließlich mit einem Angsttraum zu tun haben oder es auch Elemente der Wunscherfüllung gibt? Und welche Bedeutung mag wohl der sexuellen Störung durch die Nachbarn zukommen (»next door’s sex noise«)?

Das aus Realfilm und Stop-Motion gemischte Filmbild ist zum großen Teil verfremdet und setzt sich aus bis zu neun einzelnen Fragmenten zusammen. Der Zustand verzerrter Wahrnehmung wird also über ein mehrfaches Spiel mit der Fragmentierung wiedergegeben, welche die gleiche Einstellung in collagehaft zusammengefügten Einzelteilen zeigt. Sowie sich die Gedanken verselbständigen, verselbständigen sich mit Hilfe der Stop-Motion Technik die Gegenstände im Raum und führen zusammen mit den störenden Geräuschen der Nachbarn zu einem Crescendo, in dem sich der Monolog der Protagonistin bis zur Sinnlosigkeit steigert (3:30 Min.). Erst das Klingeln des Weckers holt sie ins Hier und Jetzt zurück. Vieles ist trügerisch in diesem Film. Auch die Gestaltung seines Endes. Scheinbar schließt er im Schwarz geschlossener Augen. Mit denselben Worten, mit denen sie aufgewacht war, findet die Sprecherin zum Schlaf zurück: »You made me brake my paper weight.« Doch nach dem Abspann taucht erneut ein Hund auf, den wir schon aus einer früheren Szene kennen. Und es fragt sich, welche Rolle wohl die Tiere in diesem Traumszenario spielen. Der Hund, der auf die Protagonistin liebevoll zuläuft, und die Katze auf dem Handydisplay, die gleich dreimal in den Abgrund springt.

On Loop ist ein Poesiefilm, aber keine Gedichtverfilmung im engeren Sinn. Ein Grenzfall, der im Poetryfilm-Genre öfter vorkommt. Hoopers Film zielt auf die Schaffung einer eigenen Filmpoesie, die sich mit ihrer Traumlogik und dem weitgehenden Verzicht auf Handlung und lineares Erzählen dem Bilder- und Bewusstseinsstrom der lyrischen Wortsprache annähert. Die Filmemacherin war in diesem Fall selbst maßgeblich an der Entstehung des lyrischen Textes beteiligt. Die Frage, ob dieser auch als Gedicht ohne den Rahmen des Films bestehen würde, scheint hier ebenso zweitrangig wie bei einem gelungenen Songtext. On Loop ist ein Filmpoem.

Informationen zum Film

  • On Loop
  • England 2013, 5:00 Min.
  • Regie: Christine Hooper
  • Text: Christine Hooper u. Victoria Manifold
  • Voice-over: Susan Calman
  • Sound-design: Tom Lock Griffith
  • Preise: u.a. New Talent Award, Animated Exeter 2014; Jury Price Schnongs 2014