Film des Monats

Montserrat

Film des Monats Februar 2017 •

Monumentale Schriftzüge schweben wie magische Botschaften über Buenos Aires. In seinem Poesiefilm »Montserrat« inszeniert der argentinische Regisseur Fernando Lazzari Teile eines Gedichts von Jorge Luis Borges. Protagonist des Films ist eine neue, von Julieta Ulanovsky gestaltete Google-Schrift. 

Montserrat gehört zu den ältesten Stadtteilen von Buenos Aires. Im 20. Jahrhundert war es ein Viertel für die Mittelschicht und ein Ort der Boheme und des Nachtlebens. Jorge Luis Borges hat die Stimmung dieser Gegend in seinem Gedicht Amanecer (engl. Break of Day)* aus dem Jahr 1923 eingefangen. Fernando Lazzaris Schriftfilm Montserrat von 2013 ist eine Hommage an den berühmten argentinischen Dichter.

Außerdem widmet sich der Film einer Schrifttype**, die nach dem Stadtteil benannt ist und von der argentinischen Designerin Julieta Ulanovsky*** geschaffen wurde. Sie ist auf Google Fonts kostenlos erhältlich. Wahrscheinlich brachte es das internationale Interesse an dieser Schrift mit sich, dass der Film das spanischsprachige Gedicht in englischer Übersetzung adaptiert, um dadurch ein noch größeres Publikum zu erreichen. Dass der Schwerpunkt des Poesiefilms auf der Werbung für die neue Google-Font liegt, wird auch im Titel erkennbar, der die Aneignung des Borges-Textes in den Hintergrund rückt.

Die Schrift wird in Monserrat zum Akteur. Die erste Titeleinblendung erfolgt wie in anderen Filmen als zweidimensionale Font. Mit der darauf folgenden Einstellung fangen die Schriftzeichen an, sich autonom zu verhalten: Sie werden nicht ausgeblendet, wie zu erwarten wäre, sondern sie lösen sich in Partikel auf. Bereits hier wird klar, dass die Schrift in diesem Film mehr als ein Gestaltungselement ist.

Montserrat zeigt sie als integraler Teil der Stadtansichten. Farbe und Textur der räumlich gestalteten Lettern orientieren sich an der Umgebung und erinnern teils an Reklame-Texte, wie sie uns im täglichen Großstadtleben begegnen. Über der Stadt schwebende Schriftzüge sind aus Musikvideos oder Titelsequenzen von Spielfilmen (wie z.B. Panic Room (2002) von David Fincher) bekannt. Hier jedoch geraten die Buchstaben in Bewegung und beginnen als architektonische Elemente, schwerelos im Raum aufzusteigen. Die gesamte Szenerie erscheint dadurch losgelöst, unwirklich.

Gesteigert wird dieser Eindruck durch den Sound, der deutlich digital generierte Elemente enthält, aber auch Anklänge an eine träge Jazzmelodie evoziert. Eine weitere Übersteigerung der Wirklichkeit wird durch die dezente, beige-blaue Farbtönung der Einstellungen und den Umstand erreicht, dass die Buchstaben die Elemente sind, die sich bewegen, während die menschenleere Stadt in fotografierter Unbeweglichkeit verharrt.

Eine Ausnahme hierzu bilden die Ventilatoren der Klimaanlage, die mit digitalen Mitteln in Bewegung gesetzt sind und die zweidimensionalen Worte »without purpose« hinweg wehen. Mit den Worten »Buenos Aires – no more than a dream« beginnt sich das Licht zu verändern und in ein Grau zu verwandeln, das Verfall suggeriert. Die Einstellungen von prachtvollen Fassaden weichen Stadtansichten der heutigen Megapolis. Derweil steigen die Buchstaben nicht mehr auf, sondern verlassen die Ordnung des Lesbaren, sinken, fallen herab, brechen in sich zusammen, ziehen sich in die Dunkelheit zurück, zerstieben oder ballen sich zu Clustern zusammen.

Die Bewegungsmuster der Schriftzüge geben den Regisseur als Motion Graphics Designer zu erkennen. Der heute in London lebende Filmemacher hatte bereits während seines Studiums in Buenos Aires damit begonnen, sich mit 3D-Animation und Motion Graphics zu beschäftigen. Sein Film Montserrat ist das erste Projekt, in dem er 3D-Animation mit Realfilmmaterial kombiniert. Und es war gleich überaus erfolgreich, wie nicht zuletzt die hohen Abfragezahlen auf Vimeo verraten. Neben dem Internet wurde der Schriftfilm auch in Galerien und auf Festivals gezeigt.

Fernando Lazzari eignet sich das Poem von Borges auf freie Weise an, indem er wie in einem Erasure-Gedicht 18 Zeilen oder Teile von Zeilen aus dem ursprünglichen Text herausschneidet und sie in einzelnen Bildeinstellungen neu zusammenfügt. Der Film erzeugt also einen eigenen Text und wählt dabei so aus, dass die gezeigten Gedichtelemente eine Stimmung transportieren, die durch die Musik und die heroisch-melancholische Art der Inszenierung unterstützt wird.

In seinem Film Montserrat ist es Lazzari gelungen, die magische Balance des Tagesanbruchs, von der Borges in seinem Gedicht spricht, auf eigene und zugleich kongeniale Weise einzufangen. Die Dynamik aus Schwere und Leichtigkeit, Architektur und Luft verleiht dem Film eine visuelle Intensität, wie man sie insbesondere aus der surrealistischen Malerei kennt.


* Siehe Jorge Luis Borges‘ Gedicht Montserrat.
** Weitere Informationen auf Google Fonts und zum Typografie-Projekt.
*** Siehe den Crowdfunding-Film mit Julieta Ulanovsky.

Auszüge aus der englischen Übersetzung des Gedichts Break of Day (Amanecer)
von Jorge Luis Borges

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………………. the taciturn streets
like the trembling premonition
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……………… the dreadful conjecture
of Schopenhauer and Berkeley
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a dream of souls,
without ……………. purpose, …………………..
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…. immortal …………………………..
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………………… void of substance
…………………………. Buenos Aires
… no more than a dream
made up …………. a common act of magic,
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……………. the shuddering instant of daybreak,
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…………………… the tenacious dream of life
…………………………… smashed to pieces,
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…………… a certain remorse
……….. complicity in the day’s rebirth
I ask my house to exist,
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….. the spent night
stays on in the eyes of the blind.

 

INFORMATIONEN ZUM FILM

  • Montserrat, Argentinien 2013, 2:00 min
  • Regie u. Animation: Fernando Lazzari
  • Gedicht: Jorge Luis Borges
  • Kamera: Matías Nicolás
  • Musik: Brian Eno / Black Planet
  • Sounddesign: Andrea Damiano

1 Kommentare

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