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Mein Weg über die Schrift zum Gedichtfilm

Mich hat schon immer fasziniert, dass die Schrift als ein rein zweidimensionales Informationssystem, das aus 26 Buchstaben besteht und durch Satzzeichen strukturiert wird, beim Lesen komplexe Gedankenwelten entstehen lässt. Das kommt auch daher, dass ich durch mein Studium der Innenarchitektur und Architektur in der Vorcomputerzeit daran gewöhnt bin, zweidimensionale Pläne zu entschlüsseln und räumlich zu lesen.

So war die besondere Typografie der Gedichte von Robert Lax letztlich ausschlaggebend dafür, dass ich überhaupt zum Thema Gedichtfilm gekommen bin. Robert Lax hat seine kurzen Gedichte, meist Augenblicksbeobachtungen, in ein eigenes, vertikales Schriftbild gesetzt, um unsere Lesegewohnheit zu unterlaufen und uns zur Aufmerksamkeit und Langsamkeit anzuhalten.

just midnight von Robert Lax wurde zu meinem ersten Gedichtfilm, in dem ich allein mit dem Schriftbild, ohne Voice-over, gearbeitet habe. Für mich war es bei der Arbeit sehr spannend, mit der virtuellen Kamera die Buchstaben zu erkunden, die ich mit der Computeranimationstechnik in die dritte Dimension gesetzt hatte; insbesondere die Räume und vor allem die Zwischenräume, die dadurch entstehen. Die Schrift wurde plötzlich zur Architektur, zu Räumen, mit denen ich arbeiten konnte, zu Flächen, die ich als Projektionsflächen verwenden konnte und zu Akteuren, die sich bewegen und verändern. Die Schrift war für mich nicht mehr der reine, zweidimensionale Informationsträger als der sie gebräuchlich ist, sondern spiegelte darüber hinaus meine meist räumlichen Assoziationen beim Lesen des Gedichtes wider.


Just midnight (2010), 3:37 min

So hatte ich über das vertikale Schriftbild von Robert Lax meinen eigenen Zugang für die Umsetzung von Gedichten in das Medium Film gefunden.

Als Schrifttyp verwende ich meist die Arial, da sie einfach und klar ist, was sich besonders für die räumliche Umsetzung eignet. Inzwischen sind fünf Gedichtfilme zu Robert Lax entstanden, in denen ich mehr oder weniger mit dem vertikalen Schriftbild arbeite. Alle Filme enden auf einem Blatt Papier, als eine Referenz zum eigentlichen Ausgangspunkt, dem Leseprozess, der über die Schrift auf dem Papier – unserem verlässlichsten Informationsträger – das individuelle Kopfkino in Gang setzt.

Auch bei anderen Gedichtfilmen habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, zunächst einen Zugang über die Schrift zu suchen oder Besonderheiten im Schriftbild aufzuspüren, wie z.B. bei dem Film [meine heimat] nach dem Gedicht von Ulrike Almut Sandig, dem Wettbewerbsgedicht des ZEBRA Poetry Film Festivals (Berlin) 2012. Hier waren es zum einen das Wort ›Heimat‹, das sich in seiner Bedeutungsvielfalt kaum in eine andere Sprache übersetzen lässt und zum anderen die eckigen Klammern, die den Titel des Gedichtes umfassen und in meinem Film zu Mauern werden. Auch hier wird das Wort zur Architektur und zu einem Projektionsgebilde, das meine persönlichen Vorbehalte zum Begriff ›Heimat‹ wiedergibt.


[meine heimat] (2012), 1:33 min

Ganz anders war meine Vorgehensweise beim Film Kaspar Hauser Lied, basierend auf einem Gedicht von Georg Trakl, das Wettbewerbsgedicht des Art Visuals and Poetry Film Festivals (Wien) 2014. Hier kommt nicht die Schrift des Gedichtes selbst zum Einsatz, sondern der gesamte Film spielt in der Inschrift von Kaspar Hausers Grab auf dem Ansbacher Friedhof als ein Verweis auf einen ganz persönlichen Gedächtnisort und somit auf den Menschen, der er trotz aller Legenden und wissenschaftlicher Spekulationen war. Die Grabinschrift wird hier zum Labyrinth, zum abstrahierten Lebensweg Kaspar Hausers, was sich jedoch erst ganz am Ende des Films erschließt. Zwischen den Buchstaben leuchten Filme und Bilder wie kaleidoskopische Erinnerungssplitter auf. Dies entspricht der Art und Weise, wie auch Georg Trakl in seinem Gedicht die Person Kaspar Hauser mit all ihren Hoffnungen und Ängsten aufscheinen lässt.


Kaspar Hauser Lied (2014), 3 min

Meine Filme bestehen meist aus einer einzigen Kamerafahrt, die dem Gedicht folgend die Buchstaben durchwandert oder umkreist. Mit der Schrift und durch die Schrift ergeben sich auf diese Weise immer wieder neue Räume und überraschende Perspektiven. Mit Hilfe einzelner Buchstaben, Silben, Wörter oder Satzgebilde versuche ich so Spannungsbögen aufzubauen und meine ganz persönliche Gedankenwelt zu visualisieren.

 Über die Autorin
Susanne Wiegner studierte Architektur an der Akademie für Bildende Künste in München und am Pratt Institute in New York. Neben Projekten im realen Raum schafft sie seit mehreren Jahren 3D-Animationen, die Literatur und virtuellen Raum verbinden. Ihre Werke werden in Gruppenausstellungen und auf internationalen Festivals gezeigt. Sie arbeitet und lebt in München.

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