Interview, Magazin

»Der Film entstand als eine Art Jam Session«

Hanna Slak und Lena Reinhold, die Gewinnerinnen des diesjährigen Weimarer Poertyfilmpreises, berichten über ihre Zusammenarbeit und erklären, welche Rolle Erinnern und Zeit in ihrem Kurzfilm spielen.


Poetryfilmkanal: Euer Film Standard Time hat in Weimar den Jurypreis gewonnen. Wie seid ihr darauf gekommen, euch beim Weimarer Poetryfilmpreis zu bewerben?

Hanna Slak/Lena Reinhold: Nachdem unser Poetryfilm fertig war, haben wir im Internet nach Möglichkeiten gesucht, ihn zu zeigen. Wir sind dann zufällig auf das Festival in Weimar gestoßen. Wir kannten vorher nur das ZEBRA Poetry Film Festival.

Die Jury hat euren Film folgendermaßen beschrieben: »Standard Time is a timeless, self-referential meditation on the power of communication to transmute and, at times, distort. Its flawless blend of text, sound and images suggests a worldview both deeply rooted and universal, shamanistic and apophatic. It does what all great poems should do in suggesting more than it says and leaving the viewer’s mind abuzz with creative energy and new ideas. Addressing the poetic possibilities of time as it does, it can almost be seen as a film about poetry film itself.« Was war eure Reaktion, als ihr die Jurybegründung gelesen habt? Und was bedeutet der Preisgewinn für euch?

Wir haben uns sehr gefreut, als wir erfahren haben, dass unser Film in Weimar gezeigt werden würde. Wir hatten ihn bis dahin nur mit Freunden geteilt und waren sehr neugierig auf die Reaktionen eines größeren Publikums. Nachdem wir die ausgewählten Filme in Weimar gesehen hatten, freuten wir uns noch mehr, Teil des Festivals zu sein, weil sehr starke und berührende Filme im Programm waren. Der Preisgewinn war dann auch sehr überraschend für uns. Die Begründung der Jury ist für uns ein sehr schönes Feedback. Sie zeigt uns, dass die vielen verschiedenen Schichten, die wir in den Film hineingelegt haben, auch lesbar sind.

Habt ihr schon vorher an einem Poetryfilm gearbeitet? Und wie hat sich eure Zusammenarbeit gestaltet – wer war für was zuständig? 

Wir sind schon lange befreundet. Unser erstes gemeinsames Projekt war ein Drehbuch, an dem wir zusammen gearbeitet haben. In diesem Buch geht es um die Geschichten von sechs Frauen unterschiedlicher Generationen, die sich in einem Berliner Hamam begegnen. Eine teilweise lustige, teilweise ernste Geschichte, die wir sehr mögen. Leider haben wir dafür bisher keine Förderung erhalten – das Thema wird oft als ›zu weiblich‹ eingestuft.

Nach dieser ersten Arbeit war uns klar, dass wir gerne weiterhin gemeinsam arbeiten möchten. Unsere Zusammenarbeit hat sich dann ganz natürlich Richtung Poetryfilm entwickelt: Lena hat Literaturwissenschaft studiert und arbeitet als Schauspielerin und Dramaturgin mit Körper, Stimme und Text. Außerdem schreibt sie eigene Texte. Hanna ist Regisseurin und macht neben ihren narrativen Kinofilmen auch experimentelle Filme, Videoinstallationen und Videodesign für die Bühne. Bei diesen Arbeiten steht das poetische Potenzial der Bilder im Vordergrund.

Wir haben also beide ähnliche Hintergründe, arbeiten jedoch mit verschiedenen Mitteln bzw. an unterschiedlichen Positionen. Die Frage, wer wofür zuständig ist, hat sich daher nie gestellt.

Der Film entstand als eine Art Jam Session, bei der jede von uns das eingebracht hat, was sie am besten kann und wir uns gegenseitig gut ergänzten: eine Mischung aus Lust am Experimentieren, Freundschaft und ein bisschen Zeit. Wir haben uns gefreut, mit Daniela Seel eine Autorin gefunden zu haben, deren Texte uns beide gleichermaßen ansprechen und inspirieren.


Foto © Ana María Vallejo Cuartas

Offenbar gab es ja keinen direkten Austausch zwischen euch und Daniela Seel für dieses Filmprojekt, gleichwohl kennt ihr ihre Lyrik sehr gut. Wann habt ihr sie kennengelernt und was bedeuten euch ihre Texte?

Lena begegnete Daniela Seel und ihren Texten als sie 2011 eingeladen wurde, bei einer Veranstaltung von kookbooks als Autorin ihre eigenen Texte zu lesen. In Daniela Seels Lyrik finden wir Elemente, die jede von uns aus der eigenen künstlerischen Praxis kennt: die Gleichzeitigkeit von Offenheit und Präzision und der spielerische Umgang mit Sprache, der nie beliebig ist.

Was interessiert euch am filmischen Bezug zu Gedichten?

Hanna arbeitet interdisziplinär mit Bild, Text, Sound und Performance. Die Verbindung von Bild, Ton und Text ist eine natürliche Fortsetzung ihrer Arbeit. In der Poesie ist immer eine gewisse Tonalität und Bildwelt impliziert. Wir waren neugierig, wie das Erlebnis eines Gedichts sichtbar und hörbar zu machen ist. Dabei interessierte uns besonders der Prozess des Erinnerns: welche Wörter, Bedeutungen, Assoziationen bleiben hängen ? Wie verändern sich diese? Auf diese Weise kam auch das Element der Zeit hinzu: die Zeit der Erfahrung der Autorin, die Zeit des Schreibens, die Zeit des Lesers, die Zeit der Interpretation, die Zeit des Zuschauens …

Wie weit war euch das Genre des Poetryfilms bei der Arbeit schon geläufig?

Das Genre des Poesiefilms war uns bekannt. Wir schätzen es für seine Offenheit und erweiterbaren Grenzen. Lena hat vor einigen Jahren auch schon mal an einem Poesiefilm mitgearbeitet, der auf einem ihrer eigenen Texte basiert (Plankton, 2012).

Werdet ihr in Zukunft noch mehr Poesiefilme machen?

Wir arbeiten gerade an einem neuen Drehbuch, eine Romanadaption, und planen auch einen weiteren Poesiefilm.

Über die Filmemacherinnen
Hanna Slak, Slovenian, born 1975 in Warsaw, based in Berlin, is a film director, multimedia artist and writer. She glides between the visual and the textual and between several native languages. Her main work is that for the cinema, where she has written and directed feature films for the big screen (Blind Spot, 2001; Teah, 2007; Rudar, 2017), as well as documentary films and experimental shorts. She also creates video installations and video design for the stage, the latter for the Berlin based theatre director Yael Ronen (Common Ground, Das Kohlhaas Prinzip, Feinde, Denial). Her poems in Slovenian language have been published in Slovenia. Two of her short plays in English and German have been staged at the Maxim Gorki Theater in Berlin (Must be Alice, The Test). Her films are screened at festivals such as Berlinale, Rotterdam IFF, Locarno IFF and others. Among the awards for her work are the Silver Bear for Short Film for the experimental documentary Laborat (writer, editor, producer), Best Director at Sofia Film Festival as well as Best Actress (Manca Dorrer) at the Thessaloniki Film Festival and Don Quijote Prize at Cottbus Film Festival for feature film Blind Spot, Best Camera, Best Sound and Critics‘ Award at the Festival of Slovenian Film for feature film Teah.
Lena Reinhold, geboren 1982 in Darmstadt, aufgewachsen in Konstanz. Auslandsaufenthalte in Texas und Paris. Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin (M.A.). Lebt in Berlin und arbeitet freischaffend als Schauspielerin, Dramaturgin und Autorin.