Interview, Magazin

»Der Film ist das ideale Medium, meiner Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen«

Im Interview mit Aline Helmcke spricht die kolumbianische Animationskünstlerin Sandra Reyes über den Poesiefilm und ihre künstlerische Arbeit. Sandra ist zur Zeit artist in residence des ersten litfilms-Festivals in Münster.

Aline Helmcke: Du arbeitest seit vielen Jahren im Bereich Animation mit dem Schwerpunkt Stop Motion und anderen analogen Techniken. Animation ist sehr zeitaufwändig. Was macht die Arbeit trotzdem so reizvoll für Dich? Welche Aspekte findest du besonders interessant?

Sandra Reyes: Ich glaube einerseits, dass der Film das ideale Medium ist, meiner Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen. Als ich angefangen habe, mich der Animation zu nähern, habe ich dann erkannt, dass meiner Vorstellungskraft da noch weniger Grenzen gesetzt werden können. Und obwohl ich auch glaube, dass eine Geschichte immer danach fragt, in welcher Technik erzählt werden soll, ist es unbestreitbar für mich besonders faszinierend, langsam Bild für Bild einen Film zusammenzusetzen. Darüber hinaus war für mich immer dieses Gefühl von Gegenständlichkeit wichtig, das wir im Kino spüren. Ich würde es zum Beispiel immer vorziehen, Filme zu sehen, die auf Zelluloidfilm gedreht wurden.

Aufgrund dieser Affinität zur Gegenständlichkeit habe ich begonnen, mich nach und nach der Stop Motion Technik anzunähern. Ich versuche nie, das Material, das ich benutze, wie etwas anderes aussehen zu lassen; ich mag die rohen Texturen, die sich vor dem Objektiv zeigen. Die Magie und das Unglaubliche am Ende ist es, zu sehen, wie sich alle diese Materialien bewegen und lebendig werden.

Wann und wie bist Du das erste Mal in Berührung mit Poetryfilmen gekommen?

Ich habe in Kolumbien Film studiert, und ein großer Teil des Programms bestand darin, mit allen Arten von Filmen in Kontakt zu treten. Irgendwann habe ich angefangen, Film-Essays und Poetryfilme anzusehen. Ich habe diese Art von Kino voller Bewunderung wahrgenommen und mir Filme dieser Richtung immer wieder angeschaut.

Nach einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, Jerzy Kucia während eines experimentellen Animations-Workshops kennenzulernen. Er hat eine gewisse Neugier in mir geweckt und mir den Impuls gegeben, vom reinen Sehen direkt zum Machen überzugehen.

Was unterscheidet Deiner Meinung nach einen Poetryfilm von anderen Filmformen? Was ist das Besondere?

Literatur ist sicherlich immer ein wichtiger Teil des Kinos. Ich denke, was den Poetryfilm anders und besonders macht, ist die Art und Weise, in der sich die Gedichte auf Bild und Ton beziehen und sich mit ihnen verbinden.

Im klassischen Kino verwandelt der Akt des Drehbuchschreibens die Art des Schreibens, denn wir schreiben mit dem Blick der Kamera im Hinterkopf.

Beim Poetryfilm habe ich das Gefühl, dass der Schriftsteller mehr Freiheit hat. Die Gedichte durchdringen das Bild mit einer starken Stimme und einem Rhythmus, der den Worten innewohnt.

Wie ist Deine Herangehensweise bei der Arbeit mit einem poetischen Text? Wie entwickelst Du die Bildebene dazu?

Nachdem ich das Gedicht gelesen habe, versuche ich, es mir als vorgelesen vorzustellen, weil ich das Gefühl habe, dass die Interpretation entscheidend ist. Beim Anhören versuche ich, sehr darauf zu achten, welche Bilder und Gefühle es in mir auslöst. Wenn sich hinter dem Gedicht ein bestimmter Kontext befindet, recherchiere ich auch die Zeit und den Ort, wo es geschrieben wurde. Und dann gehe ich raus und suche nach diesen Bildern, die mir beim Zuhören aufgefallen sind, oder ich versuche, sie durch Animation und Materialauswahl nachzubilden.

Hat der Sound für Dich eine besondere Bedeutung in einem Poetryfilm?

Der Ton ist in einem Poetryfilm immer ein zentrales Element. Die Art und Weise, wie jedes Wort und jede Zeile interpretiert wird, verändert radikal nicht nur den Rhythmus der Montage, sondern auch die Bewegung innerhalb jeder Aufnahme.

Du bist in Kolumbien geboren und aufgewachsen. Hast Du den Eindruck, dass der Begriff von Poesie in Deutschland und Kolumbien ein anderer ist? Wenn ja, kannst Du beschreiben, worin die Unterschiede liegen?

Ich glaube, es gibt einen Unterschied, aber es liegt eher an den Themen der Gedichte. Kolumbien ist in vielen Aspekten ein dramatischeres Land ist, und das spiegelt sich auch in der Art und Weise wider, wie geschrieben wird.

Du hast nicht nur Kurzfilme animiert, sondern auch Kunst-Installationen entwickelt. Welches Format hat für Dich die größte poetische Kraft und warum?

Ich denke, dass das Kino eine größere poetische Kraft hat, weil ich das Gefühl habe, dass das Sitzen vor einer großen Leinwand in einem dunklen Raum das Erlebnis noch intensiver macht. Und es ist eine poetische Aktivität. In der Installation gibt es meiner Meinung nach viele Faktoren, die unsere Aufmerksamkeit ablenken können.

Du bist als erste Filmkünstlerin in diesem Jahr für das neue litfilms Artist in Residence Programm des Filmfestivals Münster ausgewählt worden. Herzlichen Glückwunsch dazu! Kannst Du uns etwas zum Ablauf des Residence Programms sagen?

Das Residence Programm dauert 3 Monate, und ich arbeite mit dem Schriftsteller Thomas Empl zusammen. Wir sind für einen Monat in einem alten Kloster in Rheine und dann 2 Monate in der Stadt Münster.

Es ist die erste Residency, an der ich teilnehme, und sie hat meine ganze Konzentration gefordert, weil die Zeit, etwas zu realisieren, sehr kurz ist. Es ist wunderbar, sich zu 100% ohne Ablenkung auf ein Projekt konzentrieren zu können. Ich habe jeden Tag Ideen, und ich versuche, sie alle zu verwirklichen. Das diesjährige Thema sind Zwischenräume und der Schwerpunkt liegt auf der Arbeit zwischen Literatur und Film.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Thomas Empl? Seid ihr schon vor dem eigentlichen Beginn der Residency in Kontakt gewesen? Wie eng arbeitet ihr zusammen?

Wir haben uns vorher nicht gekannt. Wir haben uns vor Beginn der Residency ein paar Mal unterhalten und uns unsere früheren Arbeiten gezeigt – und sind noch dabei, uns besser kennenzulernen.

Da die Zeit der Residency so kurz ist, müssen wir gleichzeitig arbeiten, und das ist etwas schwierig gewesen, weil ich vorher noch nie die Erfahrung hatte, mit meiner Arbeit beginnen zu müssen, ohne den Text in der Hand zu haben.

In der ersten Woche haben wir entschieden, eine Art Cadavre Exquis herzustellen. Wir gehen jeden Tag an verschiedene Orte, er schreibt und ich gehe mit meiner Kamera hin. Dann tauschen wir Ergebnisse aus und arbeiten an den Ergebnissen des anderen.

Während dieses Prozesses finden wir dann heraus, was uns mehr interessiert und in welche Richtung wir gehen.

Wie nähert ihr euch dem diesjährigen Thema »Zwischenräume« an?

»Zwischenräume« ist aus meiner Sicht ein ziemlich umfassendes Thema. Denn es geht nicht nur um unsere Arbeit und die Verbindung zwischen Literatur und Film, sondern auch um die Orte, an denen wir leben. Für uns während der Residency auch zwischen Land und Stadt.

Ich habe versucht herauszufinden, was zwischen einem bestimmten Punkt und einem anderen liegt. Ich würde sagen, Zwischenräume sind die Orte und Formen, die wir durchqueren, aber in denen wir nicht ins Detail gehen. In Zwischenräumen könnte einfach alles zusammenlaufen, sogar die Zeit, aber sie können auch komplett leer sein.

In einer Residency kannst Du Dein Equipment wahrscheinlich nicht nutzen wie gewohnt. Inwieweit mußt Du improvisieren und welche neuen Herangehens- und Arbeitsweisen ergeben sich daraus?

Das stimmt. Ich habe mich daran gewöhnt, in einem Studio zu animieren. Hier habe ich mich dann entschieden, zum Video zurückzukehren, indem ich es mit kleinen Animationen kombiniere. Die Animationen plane ich im Voraus und mache sie in der Zeit, in der der Akku der Kamera leer ist. Ich muss mich sehr konzentrieren, es ist eine Herausforderung, aber es macht auch Spaß.

Und ich denke ständig über Zwischenräume nach, Video und Animation, und wie man sie am besten zusammenbringt.

Wo und wann werden wir die Ergebnisse eures Arbeitsaufenthalts zu sehen bekommen?

Am Ende des Residency Programms werden wir unsere Arbeit auf dem Film Festival in Münster und auch bei einer Veranstaltung in Rheine, wo sich das Kloster befindet, vorstellen.

Was sind Deine Pläne für die Zeit nach der Residency?

Nach der Recidency werde ich nach Weimar zurückkehren und meine Arbeit an einer kollektiven Animation beenden. Es ist auch Poetryfilm und heißt »Das Lied der Fliegen«.

Außerdem habe ich die Idee, ein neues Projekt über das emotionale Leiden zu starten. Vielleicht wird es auch ein Poetryfilm, aber ich bin mir noch nicht sicher.


Sandra Reyes ist eine kolumbianische Filmemacherin. Sie hat einen Bachelor in Film und Fernsehen von der  Nationalen Universität von Kolumbien und einen Master in Medienkunst und Design von der Bauhaus Universität Weimar. In den letzten Jahren hat sie verschiedene Projekte als Animationkünstlerin und Sound-Designerin realisiert.

vimeo.com/sandrareyes

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