Interview, Magazin

Mut zur Leere

Ein Interview mit der Leipziger Animationskünstlerin Urte Zintler. Ihr Poesiefilm »Leerstelle« (2016) basiert auf Gedichten der Lyrikerin Hilde Domin.

Poetryfilmkanal: Was bedeuten Gedichte oder lyrische Texte für Dich?

Urte Zintler: Gedichte üben seit je her eine große Faszination auf mich aus. Sie eröffnen Welten, in die ich komplett abtauchen kann. Wie kaum ein anderes Medium ergreifen mich Gedichte. Ihre Reduktion auf das Wesentliche, die knappen Umschreibungen lassen Raum für eigene Assoziationen und Reflexionen eigener Erfahrungen. Jedes Gedicht kann Teil von mir selbst werden.

Was interessiert Dich an Gedichten vom Standpunkt einer Animationskünstlerin aus?

Gedichte und Animationsfilme sind sich gar nicht so unähnlich. Beide können auf ihre Art komplexe Themen auf einfache Weise mit wenigen Worten und Bildern darstellen. Als Animationsfilmerin bin ich es gewohnt, in Metaphern zu denken. Der Trickfilm an sich lebt davon, die reale Welt um einen herum in eine andere Form zu übertragen, zu reduzieren, von Überflüssigem zu befreien und mit dem eigentlichen Kern des Gedankens zu spielen. Jeder Strich, jedes Bild ist Interpretation der Wirklichkeit. Gedichte und Animationsfilm miteinander zu verbinden, Synergien entstehen zu lassen, ist in meinen Augen sehr naheliegend. Einige wenige Worte lassen ganze Universen entstehen. Sie umschreiben, hinterfragen, abstrahieren. Gedichte können in mir dynamische Bilder- und Gefühlswelten erwecken, deren filmische Umsetzung sich mir geradezu aufzwingt.

Wie bist Du auf die Gedichte von Hilde Domin gestoßen?

Im Laufe der Zeit hat sich der Umgang mit Familiengeschichte, Erinnerungen und Austausch zwischen den Generationen für meine eigene Arbeit als zentrales Thema herauskristallisiert. In diesem Zusammenhang hat sich über die Jahre bei mir ein besonderes Interesse für Nachkriegsliteratur entwickelt. Die Gedichte Hilde Domins begleiten mich daher schon eine geraume Zeit und haben ihre Spuren hinterlassen. Mit ihrer Art, die Dinge klar und eindringlich auszusprechen, für Verlust und dem Sehnen nach ›Rückkehr‹ einfache Worte zu finden, hat sie mich sehr beeindruckt.

Wie entstand das Konzept für den Film Leerstelle? Welchen Stellenwert hat der lyrische Text dabei? Spielten die Gedichte von Anfang an eine Rolle?

Das Konzept zu Leerstelle entstand in einem fortwährenden Prozess. Da ich Gefühlswelten beim Umgang mit Verlust erforschen wollte, habe ich das Konzept relativ offen gelassen. Es unterlag ständiger Veränderung. Ein konventionelles Drehbuch habe ich früh ausgeschlossen und stattdessen versucht, die Ebenen des Filmes mit einem theoretischen Konstrukt zu untermauern. Ebenso wie der Verlust sich auf ein Objekt der Sehnsucht bezieht, habe ich in den verschiedenen Ebenen – der visuellen, der Sprache und der Musik – den Bezug zu einem Original vorausgesetzt. Dieser sollte spürbar, wenn auch nicht konkret fassbar sein und nur die ›Bezüge‹ zum jeweiligen Original im Film abbilden. Als Musik entschied ich mich für eine experimentell überarbeitete Version eines Stückes aus Bachs Goldberg Variationen vom Komponisten Karlheinz Essl. Die Bilder basieren zu einem großen Teil auf rotoskopierten Bewegungen von Found Footage Videos, und der gesprochene Text im Film ist ein innerer Monolog, der sich aus Textfragmenten verschiedener Gedichte von Hilde Domin zusammensetzt.

Diese Art des Konzepts ließ mir den größtmöglichen Spielraum, künstlerische Entscheidungen zu treffen. Die Sprachebene mit den Texten von Hilde Domin bildete das Grundgerüst des Filmes. Assoziativ dazu habe ich dann die Bilder entwickelt, die Videovorlagen ausgesucht, geschnitten und collagiert. Im Laufe der Arbeit an dem Film wurde das Gedicht Ziehende Landschaft, das in Gänze eingearbeitet ist, zum Hauptimpulsgeber.

Es gibt lange Passagen ohne Text, in denen der Fokus sich auf das Visuelle, die Musik und den Sound verlagert. Hast Du das von Anfang an so eingeplant?

Von Anfang an war es mir wichtig, eine abwechslungsreiche Dynamik und Rhythmik des Filmes zu erreichen und Momente der Ruhe und der Möglichkeit zur Reflexion zu schaffen. Eine genaue Planung dafür hatte ich nicht erstellt. Vielmehr habe ich mich für das Timing der Text- und Bildebene in der laufenden Produktion vom Fluss des Filmes leiten lassen und an einigen Stellen das Tempo oder die Intensität der Überlagerungen entweder gedrosselt oder erhöht.

Der Film ist, wie ich finde, mutig: Mut zur Leere auf dem Papier, Mut zu langsamem Tempo: Kannst Du etwas zum visuellen Konzept sagen?

Die Bilder entstanden, wie im Konzept schon angelegt, als Referenz eines Originals und basieren auf Video Footage von Filmen oder Handlungen, die um den gleichen Themenkomplex kreisen: unter anderem aus Filmen von Pasolini, in der eine Mutter ihren Sohn verliert, eine immer wiederkehrende Straße, die zur weiten Landschaft wird und Aufnahmen von Flugformationen von Vögeln in meiner Heimat an der Küste. Die Zeitebene ist ebenfalls manipuliert und verzerrt. Ebenso wie auf der Bildebene durch Collage und Überlagerung neue Orte und Momente geschaffen werden, entsteht durch die Spiegelung von Bild und Zeit eine Gleichzeitigkeit aller Elemente mit dem Menschen im Mittelpunkt.

Erinnerungen, Gegenwart, Sehnsucht, Hoffnung – alles existiert gleichzeitig und macht den Menschen im Jetzt aus. Der Fluss der ständigen Bewegung impliziert die Suche, das Voranschreiten nicht nur der Zeit und der Realität um einen herum, sondern auch seiner Einstellung, seiner selbst im Innersten. Leere ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Dingen, sondern die Befreiung aus einem chaotischen System. Die Leere auf dem Papier, die Einfachheit einer einzelnen horizontähnlichen Linie spielen darauf an. Die Metapher der Welle, die immer wieder variiert wird, deutet auf die Bewegung der Grenze, das Nicht-abgrenzbare, die fließenden Übergänge.

Kannst Du uns etwas zur technischen Herangehensweise, also zur Tricktechnik sagen?

Leerstelle ist ein gezeichneter Film. Teilweise mit Bleistift und Kohle auf Papier und teilweise mit digitalen Mitteln. Vor allem bei der Rotoskopie bietet sich das digitale Zeichnen an. Es ist mir jedoch wichtig, meinen zeichnerischen Ursprüngen treu zu bleiben und soweit es geht bei eigenen Projekten auch auf analoge Techniken zurückzugreifen. Das entschleunigt und man verliert nicht den Bezug zum Arbeiten mit haptischen Materialien.

Ich habe mir ein Archiv an unterschiedlichsten Bewegungen geschaffen und ließ das Filmbild in seiner finalen Form erst im Compositing am Computer entstehen. Im Grunde sind es digital collagierte, lineare Animationen.

Die Bewegtbilder oszillieren zwischen ganz direkten Zitaten zur Wirklichkeit durch Rotoskopie einerseits und andererseits Strecken, in denen der Eindruck von Abstraktion vorherrscht – Abstraktion, die sich kaleidoskopisch verdichtet. Was für eine Idee steckt dahinter?

Es ist eine Weiterentwicklung des reinen ›Zitates‹ der Wirklichkeit. Ich habe im Laufe der Arbeit am Film nach einer Möglichkeit gesucht, neue Bilder entstehen zu lassen aus den wenigen Elementen, die als Referenz etabliert wurden. Die Spiegelung und Verdopplung der Zeichnungen und deren Überlagerungen ließen Bilder von hohem Abstraktionsgrad entstehen. Sie wurden zu Mustern mit wiederum eigenen Bewegungsmustern und neuen Assoziationsmöglichkeiten, obwohl sie alle auf wenigen Bewegungen/Erinnerungsfetzen basieren. Ich spiele gerne mit der Idee, dass Neues aus Altem entsteht. Erfahrungen und Erinnerungen, Gedanken, all das ist ja kaum zu fassen und lässt sich für mich eher in einem abstrakten Muster darstellen, als in einer konkreten Begebenheit. Es ist die Suche nach der Essenz. Der kaleidoskopische Effekt war in dem Sinne nicht geplant, sondern eine für mich zwingende Entwicklung aus dem Arbeitsprozess heraus.

Da ist der Sound von Wellen und Möwen. Das erweckt den Eindruck, Leerstelle sei eine sehr persönliche Arbeit, denn Du bist in Warnemünde geboren. Gibt es autobiografische Momente in diesem Film?

Es ist absolut eine autobiografische Arbeit. Die Thematik ist in meiner Person verankert, und ich benutze den Animationsfilm, um meiner Sicht zu diesem Thema Ausdruck zu verleihen. Im Grunde ist es eine Projektionsfläche für meine Familiengeschichte und meinen Standpunkt als Künstlerin. Der Umgang mit Verlust, aber auch der Erinnerungskultur in seinen vielen Formen, die ständige Suche und das Unterwegssein in der Welt und der damit einhergehenden Frage nach den Wurzeln und der Heimat, all das sind Aspekte, die mich bewegen und prägen. In all dem chaotisch wirkenden, abstrakten, aber auf Ordnung basierenden Durcheinander kann der Bezug zu einem konkreten Ort einen eventuell erden. Das Unterwegssein im Film, angedeutet durch die Geräuschebene (im Auto, am Bahngleis, am Meer) ist einer der wenigen realen Darstellungen im Film. Die abstrakten Elemente am Schluss des Filmes fallen aus ihrem chaotischen System schlussendlich in eine Ordnung, bevor sie sich auflösen. Das hat für mich etwas Beruhigendes. Es ist die Betrachtung von Möwen, die im Sturm stehen und sich treiben lassen. Sie sind in Bewegung – und wiederum nicht. Das ist ein sehr autobiografischer Moment.

Die Musik zieht sich durch den gesamten Film, hat also einen großen Stellenwert. Kannst Du etwas zum Komponisten sagen? Warum hast Du genau dieses Stück ausgewählt?

Der Komponist Karlheinz Essl ist Klangkünstler, Elektronik-Performer und Kompositionsprofessor für experimentelle Musik. Ich verfolge seine Arbeit schon seit einigen Jahren und freue mich sehr, dass bei Leerstelle eine Zusammenarbeit zustande gekommen ist.

Das Stück Aria Elektronika I aus Gold Berg Werk von Karlheinz Essl habe ich nach einer langen Recherche in vielen verschiedenen Bereichen der Musik ausgewählt, weil es sich wie ein autarker Klangteppich über den Film erstreckt, ihm fast traumartige Züge verleiht. Ich war sofort fasziniert von der Lesbarkeit des Originalwerkes, das immer noch sichtbar ist. Essls Interpretation von Bach passte hervorragend in mein Konzept und zu der Art Film, die mir vorschwebte. Die Überbleibsel von elektronischer Verfremdung lösen immer wieder leichte Irritationen aus, die ich extrem spannend finde. Diese Momente, in denen man das Original erahnt, sind essentiell für mich in Musik, Text und Bild.

Federfisch Animation hat diesen Film produziert? Wer steckt dahinter?

Um freiberuflich an einem Ort als Trickfilmerin arbeiten zu können, habe ich vor einigen Jahren in Leipzig ein Studio gegründet: Federfisch Animation, in dem ich sowohl meine eigenen Projekte vorantreiben, als auch mit mehreren Mitarbeitern an kommerziellen Auftragsproduktionen arbeiten kann.

Mit meinem Studio versuche ich einen Spagat zu machen zwischen Kunst und Kommerz. Wir haben sowohl als Dienstleistungsstudio einige Kinderserien animiert, als auch meine künstlerischen Filme dort umgesetzt.

Der überwiegende Teil der Poetryfilme sind No-Budget-Produktionen. Das verhält sich hier anders. Wie hast Du das geschafft?

Mein vorherigen Film Die Gedanken sind frei (der auf einem Lied basiert) hatte eine erfolgreiche Festivalauswertung mit den dazugehörigen Referenzpunkten.

Ich hatte die Chance mit einem Budget, das sich daraufhin aus der Referenzfilmförderung der FFA ergeben hat, ein neues Projekt umzusetzen.

Was steht als nächstes Projekt an? Hast Du vor, noch einmal mit Gedichten zu arbeiten?

Mein nächstes Filmprojekt ist schon in Planung. Es hat tatsächlich wieder eine lyrische Vorlage als Grundlage. Ein Gedicht einer zeitgenössischen israelischen Autorin. Mit dem Drehbuchstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen konnte ich ein Konzept entwickeln und meinen künstlerischen Ansatz formulieren. Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Über die Künstlerin

Foto: Michael Moser

Urte Zintler, geboren 1975, 1996 Ausbildung zur Trickfilmzeichnerin am LTAM in Luxembourg; Studium in der Trickfilmklasse am SIAD in Farnham/GB und Kunsthochschule Kassel sowie Freie Grafik und Illustration an der HGB in Leipzig. Arbeitet als Trickfilmerin/Autorenfilmerin und Character Animatorin für Kinofilm, Kurzfilm- und TV-Produktionen in Zeichentrick/2D digital, 3D und analoge Techniken. Senior Lecturer am Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg, Lehrbeauftragte und Gastdozentin für Character Animation und Character Design an Kunsthochschule Kassel und HOWL.

 

 

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