Film des Monats

The Dice Player

Film des Monats März 2015 •

Mit ihrem kalligrafischen Poesiefilm »The Dice Player« (Der Würfelspieler) hat die ägyptische Filmemacherin Nissmah Roshdy das Publikum des letzten ZEBRA-Festivals in Berlin beeindruckt und den 1. Preis der Jury gewonnen. Der Film ist eine Hommage an den 2008 verstorbenen palästinensischen Dichter Mahmoud Darwish.

Dass Poesiefilme als Examensthema immer beliebter werden, belegt auf eindrückliche und erfolgreiche Weise The Dice Player von Nissmah Roshdy. Ihr Animationsfilm ist eine Bachelorarbeit, die die heute 23-jährige Filmemacherin an der Fakultät für angewandte Wissenschaften und Künste der Deutschen Universität in Kairo erstellt hat. Als Vorlage wählte sie sich ein Langgedicht des bedeutenden Dichters Mahmoud Darwish (geboren 1941 in Al-Barwa/Palästina, gestorben 2008 in Houston/Texas), auf das sie in einer Vortragsfassung aus dem Todesjahr des Autors aufmerksam geworden war. Diese Fassung liegt dem Film auch als Voice-over zugrunde. Darwish liest hier Auszüge aus seinem Text zu einem Stück der palästinensischen Musikgruppe Le Trio Joubran.

The Dice Player nähert sich dem Text von Mahmud Darwish mit großem Respekt, ja geradezu mit Ehrfurcht. Darwish war über viele Jahrzehnte eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen palästinensischen und arabischen Poesie. In Deutschland wurde er 2003 mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück geehrt.

Formal ist The Dice Player ein Schriftfilm, der die Schönheit der arabischen Kalligrafie betont und sie durch eine Pergament- und Tusche-Simulation in Szene setzt. Die Nähe von Schrift und Zeichnung tritt hervor, wenn die bewegte Linie sowohl Schrift- als auch Bildelemente erzeugt; des Weiteren, wenn Elemente der Schrift sich zu erkennbaren Silhouetten von Menschen und Gegenständen formen. Durch ihre Entscheidung für die überwiegend silhouettenhafte Darstellung der bildhaften Szenen lässt die Filmemacherin sowohl dem Text als auch dem Betrachter genügend Spielraum, das Dargestellte zu ergänzen.

Der Film lebt außerdem von der Dramatik der Musik und Rezitation. Die Schriftzeichen tanzen förmlich zur Musik. Dabei folgen die Bilder – manchmal vielleicht etwas zu textgetreu – den Versen, versetzen sie aber immer durch den Tanz der Schrift in zusätzliche Schwingungen. Gewalt, Krieg und Tod wird dadurch nichts von ihrem Schrecken und Ernst genommen, sondern der Vorlage gemäß die Kraft der Literatur und Kunst der politischen Realität gegenüber behauptet.

Darwish’s Gedicht ist im Titel eine Referenz an eines der bekanntesten avantgardistischen Gedichte der französischen Literatur, an Stéphane Mallarmés Un Coup de dés (»Ein Würfelwurf«) aus dem Jahr 1897. Man sieht es Roshdys Film nach, dass er nicht noch mehr aus dem Bild des Würfelspiels gemacht hat. Darwish hatte es in seinem Gedicht dazu benutzt, um den zu großen Erwartungen seiner Leser an ihn als Dichter und Stimme seines Volkes zu begegnen. Der Würfel ist hier eine Metapher für die Bedeutung des Zufälligen und Kontingenten in der Kunst und für die poetische Neuordnung der Welt angesichts des Zerfalls allesdurchdringender Sinnstabilität.

Mit ihrer Animationskunst versteht sich Nissmah Roshdy als Grenzgängerin zwischen westlicher und arabischer Kultur. Sie ist sich sehr bewusst, dass gerade durch die elektronischen Medien beide Kulturen näher zusammengerückt sind, was jedoch ihrer Erfahrung nach auch zu einem Kulturverlust bei der jüngeren Generation führt. Der Poesiefilm erfüllt hier eine besondere kulturvermittelnde Mission, wenn es darum geht, im elektronischen Medium im In- und Ausland für die Literatur und Sprache der eigenen Kultur zu werben. Auch dadurch hebt sich The Dice Player aus der Menge der Poesiefilme hervor, dass er am Beispiel eines Textes nicht nur an einen verstorbenen Dichter erinnert, sondern die übergeordnete Bedeutung der Literatur darzustellen vermag.

Mahmoud Darwish

Der Würfelspieler (Vortragsfassung)

Wer bin ich denn euch zu sagen
Was ich euch sage?
Weder ein Stein war ich den die Gewässer polierten
Zum Gesicht
Noch ein Rohr das die Winde durchbohrten
Zu einer Flöte

Nichts als ein Würfelspieler bin ich
Zuweilen gewinne zuweilen verliere ich
Wie ihr bin ich und vielleicht
Ein wenig weniger

Keine Rolle spielte ich dabei [, was aus mir wurde]

Wenn jener dörfliche Ort nicht zerbrach
Vielleicht wäre ich jetzt ein Olivenbaum
Oder ein Geographielehrer
Oder ein guter Kenner des Ameisenreiches
Oder des Echos Wächter

Wer bin ich denn euch zu sagen
Was ich sage?

Habe ich mehr Wachheit gewinnen müssen
Nicht um glücklich zu sein in meiner Vollmondnacht
Sondern um das Gemetzel mitzuerleben

Zufällig bin ich gerettet
Als militärisches Ziel war ich zu klein
Und zu groß für eine Biene
Die von Blüte zu Blüte wandert am Zaun
Ich fürchte sehr um Vater und Geschwister
Um eine Zeit aus Glas

Diese Furcht durchzittert mich und barfuß
Schritt ich sie aus
Und vergaß die kleinen Erinnerungen vergaß
Was ich von einem Morgen will
Es gab für einen Morgen keine Zeit

Ich laufe/ beeile mich/renne/steige auf/steige ab/schreie/
belle/ rufe/ heule/ gehe langsam/ falle/ werde leichter/
krieche/ fliege/ 

renne/ vergesse/ sehe/ sehe nicht/
erinnere/ höre/erleuchte/ fasele/ halluziniere/
flüstere/ schreie/ 

gebe auf/

falle/ steige auf/ steige ab/ verblute/ und ohnmächtig
schließe ich die Augen.

 

Aus: Mahmoud Darwish: Der Würfelspieler. Gedicht. Arabisch-deutsch. Aus dem Arabischen und mit einem Vorwort von Adel Karasholi. München 2009, S. 23–33 (Auszüge).

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des a1-Verlags, München.

Informationen zum Film

  • The Dice Player
  • Ägypten 2013, 3:15 Min.
  • Animation: Nissmah Roshdy
  • Text u. Voice-Over: Mahmoud Darwish (1941–2008). Lesung bei der Veranstaltung In the Shade of Words 2008
  • Musik: Le Trio Joubran
  • Preise: u.a. 1. Preis des ZEBRA Poetry Film Festivals 2014; 2. Platz beim Masr. Bokra Film Festival 2015