Interview, Magazin

Zur Zukunft des ZEBRA

Am Donnerstag beginnt das ZEBRA Poetry Film Festival Münster/Berlin. Wir  befragten Thomas Wohlfahrt, den Initiator des ZEBRA und Leiter des Berliner Hauses für Poesie, zur Entwicklung des Poetryfilms und zur Zukunft des Festivals, das ab 2019 jährlich in Berlin stattfinden soll.


Poetryfilmkanal: In wenigen Tagen findet das nächste ZEBRA-Festival statt. Was steht dieses Mal auf dem Programm? 

Thomas Wohlfahrt: Neben aller Internationalität wird in Münster ein besonderes Interesse beim Spoken-Word liegen wie bei Poesiefilmen aus den USA.

Berlin wird [bei seiner Rückkehr Anfang Dezember] einen Schwerpunkt bei Poesiefilmen aus Russland setzen und eine spannende Retrospektive bieten, in der Man Ray im Zentrum steht.

Was macht den besonderen Reiz am Verhältnis von Spoken-Word und Poetryfilm aus? 

Dazu können die Kollegen/-innen in Münster mehr berichten.

Wird es Veränderungen in der Programmgestaltung geben? 

Das, was man kulturelle Bildung respektive poetische Bildung nennt, wird verstärkt.

Seit der Gründung des Festivals im Jahr 2002 hat sich eine Menge getan, was die Sichtbarkeit und die Verbreitung von Poetryfilmen angeht – sowohl im Netz als auch in der internationalen Festivallandschaft. Wie sind diese Entwicklungen einzuschätzen? 

Allein, dass zum diesjährigen Wettbewerb Filme aus über 90 Ländern eingereicht wurden, zeigt, dass wir es beim Poesiefilm mit einem sich nach wie vor dynamisch sich entwickelnden Filmgenre zu tun haben, das überall hochattraktiv ist; für Filmemacher und für Dichter.

Mit welchen Herausforderungen sieht sich ein Filmfestival konfrontiert, das sich ausschließlich auf Poetryfilme konzentriert? 

Der Poesiefilm ist überall ein ›Nischenprodukt‹. Darin liegt seine Problematik wie seine Chance. Er existiert überall unterhalb des Radars, weil er kommerziell nicht nutzbar ist. Das ist schlecht für seine Wahrnehmung, andererseits kann, will und braucht er kommerziellen Erwartungen und Ansprüchen gar nicht erst genügen wollen. Das begründet eine große Freiheit im Experimentieren. Poesiefilme wurden gemacht, seit Filme produziert werden. Als Genre tritt der Poesiefilm aber weltweit erst auf, seit die Computertechnologie überall, eben auch im Wohnzimmer zur Anwendung kommt. Als vergleichsweise junges Film-Genre ist (noch) nichts an Struktur und Agens im Raum verfestigt. Das ist gut so. Er entwickelt sich nämlich in und mit einer sich anhaltend verändernden Medienlandschaft.

Er ist ein Hybrid aus Dichtkunst und Filmkunst. In dem Maße, wie die audiovisuellen Medien den Printmedien den Rang, wichtigstes Medium zu sein, ablaufen, tritt der Poesiefilm stärker als vermittelnde Instanz zur Dichtung als Kunstform der Sprache hinzu. Er ist als Produkt ein Kunstfilm, ja, er ist aber auch Bindeglied zwischen Gedicht und Publikum, das (s)einen Zugang zum Gedicht jetzt nicht nur über’s Lesen erhalten kann. Das Interesse von Schulen an Poesiefilmen steigt. Umgekehrt starten wir in Berlin gerade ein Projekt, das, dem Beispiel von NRW und seiner Kunststiftung folgend, Filmhochschulen aus ganz Deutschland für ein Arbeiten an Poesiefilmen begeistern konnte.

Das ZEBRA findet 2018 noch einmal in Münster statt. Aber wie sich inzwischen herumgesprochen hat, soll es in Zukunft wieder nach Berlin zurückkehren. Was hat es damit auf sich? 

2016, wie in diesem Jahr auch, heißt das Festival »ZEBRA-Poetryfilmfestival Münster/Berlin«. Es war also immer auch in Berlin …

Ein Poesiefilm ist ein Hybrid. Es gäbe ihn nicht, gäbe es das Gedicht nicht. Das Gedicht generiert in allem, was es ist, erst den Film. Jedes Gedicht ist, wenn man so will, eine 3-D-Installation aus Sprache und will/muss so behandelt werden, soll ein guter Poesiefilm entstehen. Das gilt u. a. auch für die Übersetzungen des Gedichts in unsere Sprache; gerade weil beim ZEBRA so viele Sprachen beteiligt sind. Der Poesiefilm will gepflegt, verwaltet, archiviert und beheimatet sein in einer Einrichtung, in der die Dichtung als eigenständige Kunst zuhause ist. Wenn der ZEBRA ab 2019 ausschließlich in Berlin beheimatet ist, bedeutet das nicht, dass er in Münster keinen Ort mehr haben werde.

Wir müssen und werden uns mit den Kollegen in der Filmwerkstatt Münster neu sortieren und justieren, ja.

Ein Grund für den Wechsel nach Münster war, wie es damals hieß, die bessere Förderlandschaft in NRW. In Berlin sei die Dichte an Filmfestivals sehr hoch. Hat sich die Situation in Berlin inzwischen verbessert? 

Es gibt noch mehr Festivals in Berlin als noch vor drei/vier Jahren. Geändert hat sich aber das kulturpolitische Verständnis und Bewusstsein in der Stadt. Dass die gesamte Kulturlandschaft Berlins gerade einen Aufwind erfährt, hat natürlich auch mit der besseren Haushaltslage der Stadt zu tun. Über den inhaltlichen Punkt, den ZEBRA wieder dichter ans Haus für Poesie zu binden, sprach ich gerade. Wenn man so will, sind hier zwei Parameter zueinander gekommen. 

Was sind die Pläne für die Zukunft? Wird das ZEBRA in Berlin an neuen Orten stattfinden, mit neuem Profil und Konzept oder geht es vor allem um Kontinuität? 

Es geht natürlich auch um Kontinuität. Neu ist, dass es den ZEBRA fortan jedes Jahr geben soll, also 2019 bereits wieder. Nächstes Jahr, und daran wird bereits gearbeitet, wird der Poesiefilm aus Deutschland seinen Auftritt haben; dergestalt, dass Filmfördereinrichtungen und -hochschulen verschiedenster Bundesländer Poesiefilme produzieren und sich mit zeitgenössischer Dichtung beschäftigen. Wenn es gelänge, andere Landeskunststiftungen, analog zur Kunststiftung NRW, als Partner dafür zu gewinnen, wäre noch etwas mehr gelungen. Der Poesiefilm ist Kunst, die sich kommerziell nicht begreifen oder beschreiben läßt. Der gesamte Bereich kultureller und poetischer Bildung, was immer auch über die Schulen hinausgeht, wird ausgebaut werden. Selbstverständlich wird es für 2019 auch eine offene Ausschreibung Deutschland- oder deutschsprachig-weit zur Teilnahme geben. Letzteres ist noch nicht ganz ausgemacht. In 2020 ist der Poesiefilm aus aller Welt dann wieder gefragt beim ZEBRA.


Ausführliche Informationen zum Programm des ZEBRA-Festivals 2018 findest du hier!

Thomas Wohlfahrt, geb. 1956, aus Eisenach, Studium der Germanistik und Musikwissenschaft in Halle/Sa., bis 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin, danach Berlin-West. Literaturwissenschaftler, Promotion zu Georg Büchner. 1991 Gründungsdirektor der literaturWERKstatt berlin, seit 2016 ist sie das Haus für Poesie, Leiter von Anbeginn. Initiator und Leiter des Literaturexpress Europa 2000, des poesiefestival berlin (seit 2000), des ZEBRA Poetry Film Festival (seit 2002) und von www.lyrikline.org (Grimme-Online-Preis 2005). Mitgründer des »World Poetry Movement«, Kolumbien 2011. Initiator der Berliner Rede zur Poesie (seit 2016).

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