Creative, Magazin

Tarkowskij-Variationen

In Gedichtfilm-Wettbewerben werden in der Regel Texte zur Verfilmung ausgeschrieben. Ungewöhnlich ist es dagegen, wenn auch das Voice-over und die Musik mit zu den Vorgaben gehören. Der bekannte japanische Komponist Ryuichi Sakamoto hat 2017 dieses Experiment angestellt, um mit der Ausschreibung sein Musikalbum async zu bewerben. In einem Stück ist die englische Übersetzung eines Gedichts des russischen Lyrikers Arsenij Tarkowskij (1907–1989) zu hören. 

Als Ryuichi Sakamoto [1] im Frühjahr 2017 sein neues Album async veröffentlichte, bezeichnete er es als »Soundtrack für einen imaginären Andrej Tarkowskij-Film«. Nicht nur die Filme von Andrej (1932–1986), auch die Gedichte von dessen Vater Arsenij Tarkowskij (1907–1989) scheinen ihn bei seinen minimalistischen Kompositionen begleitet zu haben. Kein Wunder also, dass er Interesse hatte zu sehen, wie Filmemacher aus aller Welt seine Musik im Stile oder im Sinne Tarkowskijs visuell interpretieren würden. Entstanden ist eines der bemerkenswertesten Wettbewerbsexperimente der letzten Jahre. [2] Neben Filmen zu anderen der 14 Tracks des Albums führte die Ausschreibung zu zahlreichen Variationen von Arsenij Tarkowskijs Gedicht Und ich träumte, ich träume, es erschien mir im Traum … [3], zuweilen mit Anleihen an die Filmsprache des Sohnes.

Zum Erfolg des Wettbewerbs, der an die 700 Einreichungen – vor allem aus Japan und den USA – erhielt, trug neben dem professionellen Soundtrack sicher die Prominenz des Ausschreibenden und seines Teams bei. Sakamoto ist ein international bekannter Filmkomponist. Er schuf seit den 80er-Jahren die Musik zu Filmerfolgen wie Der letzte Kaiser (1987), Little Buddha (1993) oder zuletzt zu Iñárritus Film The Revenant/Der Rückkehrer (2015). Professionell eingesprochen wird der Text des Gedichts zudem vom englischen Sänger und Songwriter David Sylvian [4], dessen warme, tiefe, eindringliche Stimme gut zur Musik Sakamotos harmoniert und dem Text Tarkowskijs die nötige Suggestivkraft verleiht.

Alle Einreichungen wurden von Sakamoto und dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul gesichtet und bewertet. Darüber hinaus konnten die Filmemacher auf Facebook und Vimeo Punkte für den Mitte Dezember 2017 verliehenen Publikumspreis sammeln. Den Hauptpreis gewann am Ende ein Film, der sich nicht des Tarkowskij-Tracks auf dem Album bedient. [5] Den Publikumspreis jedoch erhielt einer der Poesiefilme: der rätselhafte japanische Beitrag von J. K. Wang und Takashi Miyata von der Produktionsfirma Cal.4164 Film & Creative.

Die eingereichten Filme zeigen eine für den aktuellen Poetryfilm exemplarische Spannbreite: Sie reicht vom Schauspieler-basierten Kurzspielfilm über die Tanz-Gedicht-Kombination oder den Timelapse-Film bis zur 2D- und 3D-Animation. Auch politische Filme wurden eingereicht. Es hängt jedoch weniger von den gewählten Techniken und Sujets ab, ob die Bildsequenzen zur vorgegebenen Einheit von Text, Musik und Stimme harmonieren, ihre Spannung halten und sie mit einer zusätzlichen Bedeutungsdimension zu einem neuen Ganzen weiterentwickeln können. Wichtiger scheint zu sein, inwiefern sie den inhaltlichen Vorgaben des Gedichts (z.B. der Struktur der Unendlichkeitsschleife) und der besonderen Rhythmik der Musik-Text-Beziehung eine eigene visuelle Entsprechung und Deutung beisteuern können. Die durchweg hochwertigen Ergebnisse dieses Experiments machen es in jedem Fall zu einem Vergnügen, den komplexen medialen Beziehungen von Lyrik und Film anhand der besonderen Aufgabenstellung des Wettbewerbs nachzugehen.


Weiterführende Hinweise:

[1] Offizielle Webseite von Ruyichi Sakamoto.
[2] Ausschreibung des Wettbewerbs im August 2017.
[3] Siehe die englische Übersetzung von Tarkowskijs Gedicht.
[4] Offizielle Webseite von David Sylvian.
[5] Gewinner des Hauptpreises: In A Happy Place. Regie: Sandup Rongkup. 2017. 6:55 min.
Beitragsfoto (Ausschnitt) von Arsenij Tarkowskij: Wikimedia Commons.

»Und ich träumte, ich träume, es erschien mir im Traum«

Arsenij Tarkowskij

Und ich träumte, ich träume, es erschien mir im Traum,
und alles zieht abermals, wieder und wieder,
wie im Traum an mir vorüber,
wie alles, was ihr träumt – ich sehe und sah es im Traum.

Fern von uns, am anderen Ufer einer anderen Welt,
tragen die Wellen: Vögel, Menschen und Sterne,
wo Woge um Woge entsteht,
und Wirklichkeit und Traum und Tod.

Ungezählt ist meine Zahl: ich lebe, bin und werde.
Wunder und Geheimnis – Wandel des Lebens;
in seiner Hand mein einsames Ich, dies verwaiste Kind;
und im Spiegel sich selbst noch ein Fremder, umfängt es
der Lichtschein der Städte, das Funkeln der Meere:
eine Mutter, die auf den Schoß nimmt ihr weinendes Kind.

1974

Aus: Arsenij Tarkowskij: Reglose Hirsche. Ausgewählte Gedichte. Übersetzt
und herausgegeben von Martina Jakobson. Edition Rugerup 2013, S. 141.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Gewinner des Publikumspreises

Regie: J. K. Wang; Kamera: Takashi Miyata. Japan 2017. 5:01 min


Regie: Hideki Suzuki. Japan 2017. 4:15 min


Regie: Omar Villegas. USA 2017. 4:41 min


Regie: Akina Yanagi. Kamera: Koichi Kinoshita. Japan 2017. 4:27 min


Regie: Rafa Zubiria. Spanien 2017. 4:55 min


Regie: Cameron Michael. Schnitt: Mark Johansson. USA 2017. 4:24 min


Animation: Emilie Liu. USA 2017. 5:55 min


Regie: Oscar Pedersen. Dänemark 2017. 4:27 min


Regie: Kentaro Kishi. Japan 2017. 10:01 min


Regie: Chien-An Yuan. USA 2017: 4:24 min


Animation: Sin Duzd. 2017. 4:40 min


Regie: JMX. Frankreich 2017. 4:24 min


Regie: Amirul Rajiv. Bangladesch 2017. 5:47 min


Recurrence. Animation: Julius Horsthuis. Niederlande 2017. 4:20 min


Weitere Beispiele findest du auf Vimeo.

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