Besprechung, Magazin

Acht Poesiefilme über das Ankommen

Eine Besprechung der DVD mit Booklet: lab/p 2 – Über das Ankommen. Leipzig: Ostpol e.V. 2017.

Von allen Spielarten des Poesiefilms ist der animierte Kurzfilm ganz besonders dem Generalverdacht der Bebilderung von Gedichten ausgesetzt. Dabei gingen von animierten Poesiefilmen in den letzten Jahren viele Impulse für die ästhetische Weiterentwicklung des Genres aus. Gerade hier sind viele aufregende, ästhetisch anspruchsvolle Arbeiten entstanden, die auf verschiedenen Festivals mit Preisen gewürdigt wurden.

Mit dem ersten Teil des Poetryfilm-Programms lab/p hatten sich Ostpol e. V. in Zusammenarbeit mit der Professur »Multimediales Erzählen« und der Professur »Medien-Ereignisse« der Bauhaus-Universität Weimar schon 2013 das Ziel gesetzt, Filmschaffende und SprachkünstlerInnen zusammenzubringen, um die Produktion animierter Poesiefilme zu ermöglichen. Diesem Prinzip folgt auch die Fortsetzung des Programms, lab/p 2. Hier wurde in einer offenen Ausschreibung nach Filmprojekten mit dem übergreifenden Thema »Ankommen« gesucht. Außerdem wurde die Ausschreibung auf andere audiovisuelle Formen erweitert. Das Ergebnis waren acht Poesiefilme, die auf dem 29. Filmfest Dresden und dem backup_festival Weimar präsentiert wurden und nun, wie schon die Filme der ersten Runde von lab/p, in einer DVD-Edition zugänglich sind.

Die im Projekt entstandenen Arbeiten heben sich von einem Großteil der Poesiefilme, wie man sie etwa auf Festivals wie dem ZEBRA Poetry Film Festival sehen kann, dadurch ab, dass sie nicht ›Verfilmungen‹ eines Gedichts, also die nachträgliche audiovisuelle Umsetzung eines vorliegenden Textes darstellen, sondern Kooperationsprodukte sein sollen, die in einem gemeinsamen Arbeitsprozess von Filmschaffenden und AutorInnen entstehen. Die Text- und Filmschaffenden sollten gemeinsam die Spielräume ausloten, die sich im Poesiefilm ergeben, wo auf »einem überschaubaren Terrain […] Grenzen überschritten und Experimente gewagt werden, die für ein langes Format zu extrem, zu intensiv, zu konzeptuell oder zu abstrakt wirken mögen«, wie Aline Helmcke im Vorwort des DVD-Booklets schreibt.

Aus produktionsästhetischer Perspektive ist also das Kooperative, die wechselseitige Einflussnahme von Gedicht und Film eine Besonderheit der Poesiefilme, die auf der vorliegenden DVD versammelt sind. Wie wirkt sich dieser Prozess auf die entstehenden Arbeiten aus? Wie verorten sich die Filme im Kontext des Poesiefilms, der in seinen besten Momenten davon lebt, dass Gedicht und audiovisuelle Ausdruckmittel in ein spannungsvolles Verhältnis zueinander treten, was aber eben auch bedeutet, dass die Grenze zwischen ihnen nie ganz zum Verschwinden gebracht wird?

In der Ausschreibung zu lab/p 2 gab es mit dem Thema »Über das Ankommen« erstmals eine thematische Vorgabe. Wer von der Setzung des gemeinsamen Themas eine Klammer erwartet, der die Filme in einen inhaltlichen Zusammenhang stellen würde, wird allerdings enttäuscht. Der Bezug zum Ankommen wird in den unterschiedlichsten Zusammenhängen hergestellt: als fragwürdiges Ziel einer Suchbewegung nach Identität (Go.stop.Gone), als das ›Ankommen‹ von Signalen im Prozess des Kommunizierens (Women feeding machines) oder als das Ankommen in einer neuen Wirklichkeit nach einem schmerzhaften Verlust (immergrün). Schon im Spektrum der Interpretation dieses Ankommen zeigt sich also die Tendenz, alle Bedeutungsnuancen des Begriffs auszuloten. Eine ähnliche Vielfalt bestimmt auch die technische Herangehensweise. Neben Animationen enthält die DVD auch Foundfootage-Montagen, gemischte Formate und experimentelle performancebasierte Arbeiten.

Den Auftakt bildet der kurze Animationsfilm Scharniere, der schon in seiner Eingangssequenz den Anspruch auf den Punkt bringt, den gesprochenen Text eben nicht illustrativ zu verdoppeln, sondern eine eigene Bildlichkeit zu finden, die eine zusätzliche Bedeutungsdimension entfaltet. Während es im Gedicht um das Scharnier als Bezeichnung für kindliche Ängste geht, die als Ticks im Alltag der Erwachsenen fortleben, ist im Bild ein an der Hand eines Erwachsenen gehendes Kind zu sehen. Eine Verbindung zwischen beiden Figuren, die selbst wie ein verkörpertes Scharnier wirkt. Aus einem solchen Ineinanderweben von Text und Bild erwächst erst die poetische Qualität des Films, die der etwas erklärende und essayistisch wirkende Text für sich allein nicht besitzt.

Ein ähnliches Verfahren, nämlich bei einem Begriff anzusetzen und seine Wurzeln und Bedeutungsnuancen aufzuspüren, verwendet auch Paradies mit Laube. Anders als es der Titel vermuten lässt, erinnert die visuelle Gestaltung in ihrer schematischen Künstlichkeit und Farbgebung an frühe Computerspiele. Es wird mit Darstellungen von einer gezähmten Natur gespielt, die sich als trügerisch erweisen und durch kleinste Veränderungen immer wieder als Hülle, Nachahmung oder Kulisse enttarnt werden. Der zugrundeliegende Text, den man im beiliegenden Booklet nachlesen muss, da er nicht in den Film integriert wurde, geht den Wurzeln der Wörter ›Paradies‹, ›Hecke‹ und ›Garten‹ nach und windet deren Etymologie selbst wie einen Weidenzaun ineinander, der als namensgebende Begrenzung zwischen gezähmter Natur und Außenwelt natürlich und künstlich zugleich ist. Die witzigen und überraschenden Effekte der Kippbilder werden durch die musikalische Untermalung des Weimarer Jazz-Quintetts Nachfarben auf fesselnde Weise mit Spannung aufgeladen.

So sparsam wie Paradies mit Laube, so wort- und bildreich ist Go.Stop.Gone. Im Film schichtet die Sprecherin Sprache zu einer ausgreifenden Selbstbefragung der eigenen Wahrnehmung auf, wodurch aber die wiederholte Beschwörung von Körperlichkeit gerade wieder verdeckt wird. Der Film zelebriert eine ermüdende Suchbewegung, die in einem Schwanken zwischen Distanz und Selbstbespiegelung nicht zu einem Weltverhältnis finden kann und das vielleicht auch gar nicht will.

Sprache, verstanden als Informationsweitergabe ist auch Thema bei A | C | G | T. Die Abschnitte des Films entsprechen Aminosäuren, aus denen bei allen Lebewesen nach dem Bauplan genetischer Informationen Proteine gebaut werden. Beginnend mit dem Startcodon AUG und der Aminosäure Methionin beginnt eine temporeiche Reihung von Bildern, die an einer Mittelhorizontale gespiegelt werden. Die Zweiteilung erinnert ebenfalls an die DNA-Synthese. Gleichzeitig entsteht der Eindruck einer langen, nicht abreißenden Inselkette, die im gespiegelten Himmel schwimmt. Über technische Störgeräuschen gelagert ist der Singsang des Textes zu hören. Handelt es sich tatsächlich um eine kleine west-kaukasische Sprache, wie die Autorin an anderer Stelle erklärt hat?* Mit einer Foundfootage-Montage und einem experimentellen Lautgedicht reflektiert auch Wie/Like über Sprache. Ausschnitte aus Schulungsvideos für Tennis, die in zahlreichen Variationen die immer gleiche Grundbewegung des Aufschlags zeigen, werden in schneller Folge aneinandergereiht. Jeder Einstellung entspricht ein gesprochener Laut. So wird das Lernen durch einübende Imitation verbildlicht und Sprache als Aneinanderreihung kopierter Bestandteile gezeigt.

Der Animationsfilm immergrün ist unter den versammelten Filmen der ›klassischste‹ Poesiefilm. Ein im Voice-Over gesprochenes Gedicht erzählt von Trauer. Was zunächst wie animierte Standbilder einer verlassenen Wohnung erscheint, erweist sich beim genauen Hinsehen als mit unmerklicher Bewegung versehen, dem Sinken von Staub, dem Aufsteigen von Dampf oder dem Beschlagen einer Scheibe. Im Zusammenspiel von Gedicht, Ton und Bildern wird dabei eine so intensive Stimmung erzeugt, dass poetische und visuelle Eindrücke in der Erinnerung fast nicht mehr zu unterscheiden sind. Ganz anders in Der Botaniker, dessen gleichermaßen unheimliche Atmosphäre zu dem ebenfalls klar komponierten und im engeren Sinne lyrischen Gedicht, zunächst gar nicht zu passen scheint. Auf der Tonspur wird mit nichtdiegetischen Geräuschen unbekannter Herkunft gearbeitet, die sich nach und nach rhythmisieren. In den von den Darstellerinnen im lynchesken Hotel-Setting durchgeführten rätselhaften Prozeduren sind nur punktuell und motivisch, allenfalls durch die strophische Gliederung der Szenen Bezüge zum Gedicht erkennbar. Von diesem Gegensatz geht jedoch gleichzeitig ein starker Sog aus, zumal wenn in der letzten Strophe über den mit toten Häuten hantierenden Gerber sich vieles rückblickend auf eine paradoxe Todesmetaphorik hin zu öffnen scheint. Leicht zugänglich ist Der Botaniker wie die meisten anderen Arbeiten von lab/p 2 sicher nicht. Bei den meisten Filmen wird wohl ein wiederholtes Ansehen und Anhören nötig sein, um den Arbeiten etwas abgewinnen zu können. Angesichts dessen ist mit dem Medium der DVD-Anthologie die Präsentationsform gefunden, die der Rezeptionshaltung, die experimentelle Poesiefilme erfordern, derzeit am ehesten gemäß wird. Mit dem beiliegenden Booklet in der Hand, das eigentlich ein schön gestaltetes, gebundenes Begleitbuch ist, lässt sich der zugrundeliegende Text zu jedem Film im eigenen Tempo mitlesen und nachvollziehen – und das ist bei den meisten der Filme auch notwendig, bei Paradies mit Laube, der auf Integration des Textes vollständig verzichtet, sogar unabdingbar.

Insgesamt ist aus den Arbeitsergebnissen des Projekts eine abwechslungsreiche und anspruchsvolle Anthologie geworden, die die Vielfalt innerhalb experimenteller Herangehensweisen an den Poesiefilm sehr gut abbildet, dabei aber auch einige seiner Schwächen teilt. Der thematische Fokus auf Selbstreferentielles wirkt heute, wo wir mit einer neuen Qualität von Unwirklichkeit und ganz spezifischen Störungen im Wirklichkeitsbezug von Medien konfrontiert sind, an manchen Stellen anachronistisch. Natürlich, Sprache und Kommunikation sind selbstreferentiell, Wahrnehmung ist ohne ›blinden Fleck‹ nicht möglich, Identität wird aus Fragmenten hergestellt. Aber gilt das für alle und in gleicher Weise? Im Film Women feeding machines, der Performance und Foundfootage mischt, wird an diese Frage gerührt. Doch ob die historischen Telefonistinnen in ihrer speziellen Kopplung von gegendertem Körper und Technik uns heute gleichzusetzen sind oder sich Care-Arbeit auch von Queer-Personen und People of Colour in ganz anderen Machtdynamiken vollzieht, erschließt sich nicht unmittelbar oder bleibt – positiv ausgedrückt – offen.

Vermutlich ist es dem Entstehungsprozess, der gemeinsamen Arbeit an Text und Film geschuldet, dass in einigen Filmen auf der DVD die Texte für sich genommen als Gedicht einen weniger starken Eindruck hinterlassen oder noch vorläufig wirken. Das ist sicher kein zwangsläufiger Effekt, hat aber damit zu tun, dass mit Ausnahme etwa bei Der Botaniker, Wie und immergrün, die sprachlichen Anteile so stark auf die anderen Ausdrucksebenen bezogen und auf das Wechselspiel mit ihnen angewiesen sind, dass die Gedichte nicht als geschlossene Gebilde funktionieren – und das wohl auch nicht müssen oder wollen.

Die Bezüge zum übergreifenden Thema ›Ankommen‹ lassen sich auch bei wiederholender Rezeption und engagierter Deutungsarbeit nur sehr vermittelt nachvollziehen. So bleiben die Filme vor allem wegen ihrer formalen Vielfalt und den ästhetischen Wagnissen, die sie eingehen, im Kopf. Man fragt sich allerdings schon, ob im Jahr 2017 bei der Wahl des Ausschreibungsthemas nicht auch dessen politische Dimension zumindest teilweise ein Anliegen gewesen sein könnte. In einer Zeit, wo nichts den öffentlichen Diskurs so sehr bestimmt wie die Suche vieler nach einem Ankommen in Europa und die radikale, immer brutalere Verweigerung dieses Ankommens – eine Verweigerung, die nicht nur Menschen auf der Flucht, sondern auch viele andere betrifft, die nicht als zugehörig angesehen werden –, fällt diese Lücke zumindest auf. So wenig man einem einzelnen Kunstwerk jemals vorwerfen kann, nicht ein anderes Thema zu verhandeln, so sehr hätte man dieser spannenden Zusammenstellung von experimentellen Poesiefilmen einen solchen im engeren Sinn politischen Beitrag zum Thema Ankommen gewünscht.


* Gisela Wehrl: Mit Poesie in die Welt. In: Auslöser 2 (2017), S. 30. URL: https://issuu.com/filmverbandsachsen/docs/auslo__ser_2_2017_mail.

Über die Autorin
Stefanie Orphal hat Literatur- und Medienwissenschaften an der Universität Potsdam studiert und schrieb an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule der Freien Universität Berlin ihre Dissertation zum Thema Poesiefilm. Das Buch Poesiefilm: Lyrik im audiovisuellen Medium erschien 2014 im DeGruyter Verlag. Derzeit leitet sie den Bereich Kommunikation am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS).

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