Film des Monats

Sottoripa

Film des Monats August 2016 •

Anhand von historischem Filmmaterial zieht uns der italienische Regisseur Guglielmo Trupia in das Leben Genuas hinein und führt uns durch Straßen, Kneipen und den Hafen. Der Poesiefilm »Sottoripa« (2013) basiert auf einem Gedicht des englischen Autors Julian Stannard und wurde für den 1. Weimarer Poetryfilm-Wettbewerb nominiert.

Der Stadtteil Sottoripa besteht aus engen, verschlungenen Gassen, die nach Fisch und Abfall riechen. Anders als im prunkvollen Stadtzentrum Genuas verfallen hier, nahe dem Hafen und unweit der Autobahnüberführung, die Häuser. Das Straßenbild ist von Emigranten geprägt.

Die ersten Zeilen des gleichnamigen Gedichts von Julian Stannard (geb. 1962) aus dem Jahr 1984 fassen diese Atmosphäre zusammen:

»I wanted the meanest zone
in the city, so I took a room in
the Sottoripa and lived with
a Persian for six heady months.«

Der italienische Regisseur Guglielmo Trupia (geb. 1986) entdeckte vor einigen Jahren den Text des englischen Autors und Dozenten von der University of Winchester zufällig bei einem Aufenthalt in Genua. Er kontaktierte Stannard daraufhin, und beide tauschten sich über ihre Faszination für das Hafenviertel aus.

Trupia ist ein erfahrener Regisseur, der bereits an zahlreichen Dokumentarfilmprojekten mitgewirkt hat. Das sieht und hört man Sottoripa an. Der Film ist ausschließlich aus Material geschnitten, das Trupia in Archiven recherchierte. Sottoripa entstand 2012–2013 mit Unterstützung der Fondazione Ansaldo. Er ist dramaturgisch so kohärent aufgebaut, dass man kaum wahrnimmt, dass das Material von verschiedensten Autoren und aus mehreren Jahrzehnten stammt – von den späten 1940ern bis in die 1990er Jahre. Spielfilmszenen mischen sich mit Privataufnahmen.

Der Film beginnt im Weiß, und außer diffusen Verkehrsgeräuschen ist zunächst nichts zu hören. Die Stimme Antonio Carlettis rezitiert die Anfangszeile des Gedichts, sodann wird die erste Straßenszene sichtbar und hörbar. Trupia wählte für das Voice-over die italienische Übersetzung von Massimo Bacigalupo. Die Sprache verbindet das lyrische Ich enger mit den beschriebenen Beobachtungen. Die Ich-Perspektive des Gedichts wird auf der Bildebene durch die Wahl von Handkamera-Einstellungen erfahrbar. Wir sind nun ganz beim Sprecher, seiner Stimme, seinen Bewegungen durch die Stadt. Unterstützt wird die dichte Atmosphäre von der zurückhaltenden, der Dramaturgie der Bildebene folgenden Musik Barrie Bignolds. Sie mischt sich mit atmosphärischen Geräuschen und setzt nur an wenigen Stellen klare Akzente, um den Film zu strukturieren.

Der Poetryfilm nimmt die Beschreibungen von Stannard als Impulse für die Bildgebung, geht dann aber eigene Wege. Kleine, scheinbar unbedeutende Momente fügen sich zu einem ungebrochenen Bilderfluss. Der Blick des Betrachters folgt den Wegen und Bewegungen der Menschen. Trupia lässt dabei sowohl den Worten als auch deren Fortsetzung im Bild genügend Raum. Er führt den Betrachter in das Leben der Stadt, durch belebte Gassen in die Häuser, Kneipen, Spelunken und den Hafen Sottoripas. Mit den Innenaufnahmen werden die Einstellungen dunkler. Die Menschen sind bald nur noch als schwarze Silhouetten gegen das Licht erkennbar.

In der Mitte des Films wechselt die Aufmerksamkeit von der Stimme zur Schrift: Mit der Leuchtreklame vom Schnaps AMARO GRANDE GENOVA gleitet der Film in die Schwärze der Nacht. Als sie sich legt, findet sich der Betrachter am geschäftigen Hafen wieder. Die Kamera wendet sich erneut den Menschen zu. In Nahaufnahmen, die an Pasolinis frühe Filme erinnern, fängt sie die markanten Porträts der Hafenarbeiter ein, bis wir, der Bewegung eines Fahrradfahrers folgend, ein letztes Mal in die engen Gassen der Stadt eintauchen. Die letzte Einstellung endet im Weiß einer Überbelichtung.

Durch eine gekonnte Auswahl und Montage des Filmmaterials und das richtige Tempo gelingt es Trupia, die im Gedicht evozierte Atmosphäre Sottoripas einzufangen und durch historische Bilder zu beglaubigen.

Julian Stannard
Sottoripa

I wanted the meanest zone
in the city, so I took a room in
the Sottoripa and lived with
a Persian for six heady months.
He fed me on pistachio nuts
the only thing mamma knew how to send
then boasted about his muscles.

Breakfast was a trip downstairs
coffee followed by grappa followed by coffee
a room full of lined stomachs,
the small fry of the criminal class.
There was much talk about nothing
and life was full of throat-cutting gestures.

If you wanted sex you had to pay for it
or wait until the smallest hours.
The Tunisians were always ready to oblige.
Meanwhile the ships drifted
into port to unload their human cargo
and the dogs in the Sottoripa multiplied.

© 1984 Julian Stannard

Sottoripa

Cercavo la zona più povera
della città, così presi una stanza a
Sottoripa e vissi con
un persiano per sei mesi matti.
Mi nutrì di pistacchi
la sola cosa che la mamma sapeva mandargli
poi si vantava dei suoi muscoli.

La prima colazione era un salto giù
un caffè seguito da una grappa seguita da un caffè
una stanza piena di stomaci senza peli,
il popolino della malavita.
Si facevano grandi discorsi intorno a niente
e la vita era piena di gesti tagliagola.

Se volevi del sesso dovevi pagare
o aspettare le ore piccolissime.
Le tunisine erano sempre accondiscendenti.
Intanto le navi entravano in porto
come alla deriva per scaricare il loro cargo umano
e i cani di Sottoripa si moltiplicavano.

Übers. Massimo Bacigalupo

INFORMATIONEN

  • Sottoripa
  • Italien, 2013 • Realfilm • 7:00 Min.
  • Regie: Guglielmo Trupia
  • Gedicht: Julian Stannard
  • Nominierungen: u. a. Kandidat für den besten Dokumentarkurzfilm beim Raindance Film Festival 2013; besondere Juryerwähnung auf dem Arcipelago 2013; Kandidat für den 1. Weimarer Poetryfilm-Preis 2016.
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