Film des Monats

Nausikaa : Rapport

Film des Monats September 2016 •

Die Lyrikerin Barbara Köhler ist bekannt für ihr Spiel mit der Sprache, deren Unschärfen und Mehrfachbedeutungen. In Kooperation mit der Schweizer Videokünstlerin Andrea Wolfensberger entstanden 2007 begleitend zu ihrem Gedichtband »Niemands Frau« acht Poesiefilme, die weibliche Gestalten aus Homers »Odyssee« neu interpretieren. »Nausikaa : Rapport« ist einer davon.

»In der Überforderungszone, kurz vorm Rauschen / zappelnder, zappender Blick ohne Anhaltspunkt / sucht nach einem Motiv.« So beginnt Barbara Köhlers letzter Gedichtband Istanbul, zusehends, für den sie in diesem Jahr den renommierten Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik erhielt. Die Schwierigkeiten der Sprachfindung, die nicht zuletzt aus den Problemen der Wahrnehmung erwachsen, sind ein wiederkehrendes Thema der Köhlerschen Lyrik. Das, was sich im Akt des Sehens zu erkennen gibt, ist in ihren Gedichten nicht an erster Stelle der äußerlich sichtbare Gegenstand, sondern die Beobachterin, der Beobachter und das Beobachten selbst: »Bis sich blindlings vielleicht oder bildlings / etwas verschiebt, in den Sucher, die Suchende / gerät, in den Blick: Das, siehst du, ist dein / Motiv – das zeigt dir, weswegen du hier bist.«

Istanbul, zusehends (2015) behandelt diese Fragen am Beispiel der türkischen Metropole, am Zusammenprall von Orient und Okzident. Der frühere Band Niemands Frau greift hingegen auf den abendländischen Urtext aller Such- und Irrfahrten zurück: die Odyssee. War die Tradierung dieses Epos in der Geschichte vor allem über männliche Stimmen erfolgt, versucht Köhler die weiblichen Figuren des Textes zur Sprache zu bringen – Kirke, Skylla, Kalypso, Penelope oder Nausikaa.

Barbara Köhler, geboren 1959 in Burgstädt/Sachsen, debütierte 1991 nach ihrem Studium am Leipziger Becher-Institut mit dem bei Suhrkamp veröffentlichten Gedichtband Deutsches Roulette (1991). Dieser Band gibt bereits viele der für sie typischen sprachlichen Verfahren zu erkennen. Seit 1994 lebt sie in Duisburg. Es folgten u.a. die Bücher Blue Box (1995) und Wittgensteins Nichte (1999). 2009 erhielt sie außerdem für ihre Gertude Stein-Übersetzungen den Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung. Zuletzt erschienen die Bände 36 Ansichten des Berges Gorwetsch (2013) und der erwähnte Text-Foto-Band Istanbul, zusehends (2015).

In Niemands Frau ist der im Titel genannte »Niemand« bekanntlich der Held Odysseus selbst, der durch ein Wortspiel aus der Höhle des Polyphem entweichen kann. Er nennt sich ou-tis (O-dyss), d. h. ›Niemand‹. Niemands Frau hingegen bezeichnet nicht die Frau des Odysseus, sondern niemandes Frau, die Frau, die zu niemandem gehört, die autonom ist; die zwar im Epos auf Odysseus bezogen in Erscheinung treten mag, jedoch eigentlich ihre eigene Stimme besitzt.

Nausikaa ist eine davon. Sie ist die Tochter des Alkinoos, des Königs der Phaiaken, die mit ihren Mädchen aus der Stadt an den Strand gefahren ist, um ihre Wäsche für die bevorstehende Hochzeit zu waschen, als plötzlich der gestrandete Odysseus aus dem Dickicht hervortritt. Während die Anderen fliehen, gewährt Nausikaa dem Schiffbrüchigen ihre Hilfe und bringt ihn zum Palast ihres Vaters. In Köhlers Text geht es erst in zweiter Linie um diese Homerische Episode. Wichtiger ist der im Titel aufgerufene ›Rapport‹. Ein mehrdeutiges Wort, das zugleich einen Bericht wie auch ein sich wiederholendes, textiles Muster bezeichnet. Im Gedicht heißt es: »Mächtig & rede / begabt nennt er sie, sängerin / wissende vom Großen Gewebe in / dem er sich an den faden hält / an das schiffchen das hin- & her / geworfne …«. So wird das Bild des Schiffs zu einem Bild der Sprache.

Köhlers Texte sind zum Teil direkte Antworten auf das Videomaterial Andrea Wolfensbergers. Die Schweizer Künstlerin war vor Kreta mit der Kamera in der Hand ins Meer gestiegen und hatte sie und sich dem Rhythmus der Wellen- und Schwimmbewegungen ausgesetzt. Was die Kamera ursprünglich aufzeichnete, war mehr als ein Kampf der Schwimmerin gegen den Untergang. Der schwerelose Tanz des rot-weißen Tankers auf den blauen Wellen, vor und zurück, von oben nach unten, stehend und schaukelnd zugleich, hat zwar keine Handlung auf der Ebene des Dargestellten, scheint jedoch auf der Ebene der Darstellung selbst etwas von der Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit gelingender Bedeutung mitzuteilen, die in Köhlers Text am Beispiel des Weberschiffchens verhandelt wird. Im Poesiefilm Nausikaa : Rapport stehen daher beide Medien so in Resonanz zueinander, dass sie zu einem Gemeinschaftskunstwerk werden, in dem die Perspektiven, die der Wortsprache und die des Bildes, ihr Eigenrecht behaupten.

Dass dies gelingt, verdankt der Film nicht zuletzt dem Vortrag. Köhlers tiefe, markante und wegen des deutlichen Atemgeräusches äußerst körperliche Stimme bemüht sich um eine bewusst kunstvolle Intonation, welche die fließenden Bedeutungen der Worte und ihre unscharfen Abgrenzungen in die Lautgestalt zu überführen versucht. Über ihre Stimme hat sie einmal geschrieben: »Von einer Wunde, einer Anomalie, einer Asymmetrie, angeschlagen habe ich diese Stimme gelernt, von Grund auf. Ich habe geübt, was Stimmen ist: am eigenen Leib. Bin ein Instrument geworden, auf dem ich die Sprache spiele, auf dem die Sprache spielt, auf dem sie Laut wird, lautet: eine Laute, eine Leise, angeschlagen, Klangkörper, Resonanzraum, in dem sie schwingt, der sie im Raum außer sich schwingen läßt. Persona: ein Durchklungenes.«

Die Poesiefilme zu Barbara Köhlers Niemands Frau sind kalkulierte Multimedia-Kunstwerke, die den Gedichtband und die Vortrags-CD noch durch das Bildmedium als dritten Zugang ergänzen. Es sind Rapporte, Gewebe von Bild, Text und Klang.

INFORMATIONEN

  • Nausikaa : Rapport
  • Schweiz, 2007 • Realfilm • 3:05 Min.
  • Video: Andrea Wolfensberger. – Das Video erschien als eines von acht unter dem Titel Niemandsfrau : Movies in: No ones Box. Edizioni Periferia. Luzern, 2007.
  • Vortrag und Gedicht: Barbara Köhler. – Zitate aus: Barbara Köhler: Istanbul, zusehends. Gedichte, Lichtbilder. Düsseldorf  2015; Niemands Frau. Gesänge. Mit CD. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2007, S. 22f., Wittgensteins Nichte. Vermischte Schriften. Mixed Media. Frankfurt a. M. 1999, S. 52.
  • Literaturhinweis: Stefanie Orphal: Poesiefilm. Lyrik im audiovisuellen Medium. Berlin, Boston 2014, S. 169–174.
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