Interview, Magazin

»ich vergleiche das programmieren oft mit dem schreiben«

Ein Interview mit Jörg Piringer

Poetryfilmkanal: Kannst du uns etwas über deine Ausbildung und dein Studium erzählen? Dein Zugang zur Poesie erscheint ja manchmal weniger literarisch als technisch. Was setzt er an Know-how voraus?

Jörg Piringer: ich studierte informatik. eher aus einer verlegenheit, weil ich nicht genau wusste,  was ich studieren sollte und da es damals kein künstlerisch-literarisches studium gab, wählte ich informatik. daneben belegte ich an der schule für dichtung in wien ein paar kurse. und las viel. wie wahrscheinlich jeder autor.

ich selbst mache kaum einen unterschied zwischen technischem und literarischem zugang. für mich ergibt sich aus einer technischen idee eine literarische und aus einer literarischen eine technische. vieles entsteht im ausprobieren und herumspielen. ich arbeite weniger ingenieursmäßig als künstlerisch explorativ. auch im technischen. ich plane also meine programme meist eher hinterher, als dass ich bevor ich zu programmieren beginne eine spezifikation erstelle.

Woher kommt die Idee, Algorithmen und Worte zusammen zu bringen?

eigentlich ist das für mich naheliegend. im grunde bestehen computerprogramme aus zeichen und wörtern. es gibt programme, die programme erzeugen, warum also nicht für texte, die alle lesbar sind? ob ein programm zahlen, grafiken oder texte ausgibt, spielt dann keine rolle mehr.

jeden tag lesen wir von algorithmen und programmen, die unser leben bestimmen, unsere nachrichten anordnen, die wirtschaft steuern, wahlen manipulieren, unsere telefone kontrollieren. da liegt es nahe, diese künstlerisch zu erforschen und verstehen zu wollen.

Die visuelle Poesie war anfangs, wie du in deinem Text »datenpoesiefilm« schreibst, nicht dein primärer Bezugspunkt. Wie war das später? Wie weit hast du dich damit auseinandergesetzt?

ich kannte natürlich visuelle poesie, konkrete poesie, die wiener gruppe und dada, aber die einflüsse der elektronischen experimentellen videos waren für mich damals grösser und aktueller. inzwischen ist visuelle poesie auch im literaturbetrieb wieder mehr in den fokus gerückt, was es leichter macht, entsprechende arbeiten zu zeigen und zu kritisieren. ich finde aber nach wie vor, dass oft die spannenderen arbeiten nicht von schriftstellern gemacht werden, sondern beispielsweise von bildenden künstlerinnen.

Welche Rolle spielt die Typographie in deinen Animationen?

ich begann mich mit typographie zu beschäftigen, als ich mit freunden eine schülerzeitung und dann eine literaturzeitschrift machte. anfänglich noch mit nadeldrucker und schere und klebstoff. danach mit ausgefeilteren werkzeugen. inzwischen mit selbstprogrammierter software, mit der ich beispielsweise eine ausgabe der posterzeitschrift flugschrift (herausgegeben von Dieter Sperl) gestaltete. diese software ermöglicht es mir, generatives layout und grossflächige typografische anordnungen (oder visuelle poesie) zu programmieren. etwas das händisch unsagbar mühselig wäre. mein erster entwurf brachte auch gleich den belichtungscomputer der druckerei zum absturz.

in meinen animation würde ich die rolle eher gering einschätzen. es ist dazu zu chaotisch und zu wenig exakt. und wird von typografen wohl eher belächelt werden.

Die ePoetry-Festivals waren für dich sehr wichtig. Wie schätzt du ihre Bedeutung heute im Rückblick ein? Und wie hat sich die Szene verändert?

für mich bedeuteten die epoetry festivals einen anschluss an eine internationale szene. nachdem die deutschsprachige netzliteraturszene ja ende der 90er zu existieren aufhörte oder durch den, wie ich finde, innovationsfeindlichen einfluss des netzliteraturwettberbs pegasus (organisiert von Die Zeit und anderen) in eine konservative richtung gelenkt wurde, lernte ich erstmals protagonistinnen kennen, die einen weiteren und wesentlich offeneren zugang als den der deutschsprachigen papierliteraten vertraten. da konnte netzkunst, digitale kunst, sound, performance und literatur zusammen gedacht werden. für mich war das eine ermutigung, weiterzumachen.

im deutschsprachigen raum hat sich aber noch immer keine nennenswerte szene gebildet, noch immer gilt jemand nicht als echter schriftsteller, wenn er oder sie nicht ein gedrucktes buch vorweisen kann.

Der Begriff ›Datenpoesie‹ ist noch nicht fest etabliert. Was ist damit für dich gemeint?

im grunde ist es wie die meisten alternativbegriffe (digitale poesie, netzliteratur, elektronische poesie, etc.) ein gefäß, das ich mit (meinen) inhalten fülle. er spielt ein wenig auf das schlagwort von ›big data‹ an, bringt zwei begriffe zusammen, die für die meisten liebhaber von literatur nicht zusammenpassen, da diese oft eine abneigung gegenüber technik haben.

Wo liegen für dich die Unterschiede vom Schreiben zum Programmieren?

die unterschiede sind klein, die gemeinsamkeiten zahlreich: beides geschieht über das schreiben von zeichen in einem dazu geeigneten programm. beides in sprachen. programmiersprachen sind weniger ausdrucksstark, aber ›natürlichen‹ sprachen ähnlich. beide sprachen sind dafür gedacht, von menschen gelesen zu werden, denn auch computersprachen sind für den computer per se nicht verständlich, sondern müssen erst in maschinencode übersetzt werden. ich vergleiche das programmieren oft mit dem schreiben eines theaterstücks oder eines hörspiels, nur dass das programm nicht von schauspielern oder sprecherinnen interpretiert wird sondern von einer maschine.

Das Programmieren als Vorgang ist für den Zuschauer nicht direkt greifbar. Wie wichtig ist für deine Arbeiten das Mit-Einbeziehen von Körperlichkeit, z.B. deiner Stimme oder deiner physischen Präsenz bei den Performances? Wie wurdest du zum Performer?

für mich ist ein auftritt auf einer bühne die belohnung (abgesehen von der gage, die ich dafür bekomme) nach vielen tagen, wochen und monaten programmieren, konzipieren, schreiben und tonaufnahmen. ich liebe es. um mich nicht selbst zu langweilen, muss ich mich selbst einbringen, etwas riskieren. meine stimme und meinen körper einsetzen. seitdem ich schreibe, trete ich auf bühnen auf, das gehört für mich untrennbar zusammen. meistens schreibe ich und entwerfe das auftrittskonzept gleich mit.

Du spielst mit den Algorithmen der elektronischen Kommunikation. Zurzeit erkennen wir in längeren und komplexeren Gesprächen immer noch, ob wir mit einem Computer kommunizieren. Werden die Computer einmal genauso sprechen können wie die Menschen? Und d.h. auch die poetischen, metaphorischen oder ironischen Sprachformen verstehen lernen? Und was würde so ein Szenario für deine Datenpoesie bedeuten?

ich traue mich nicht, eine vorhersage zu machen, ich kann mir vorstellen, dass es möglich ist. ich glaube zwar nicht, dass es bald geschehen wird, aber für ausgeschlossen halte ich es nicht. voraussetzung wäre wahrscheinlich so etwas wie ein bewusstsein, was ich für realisierbar halte. dem entgegengesetzte philosophische beweise (wie Searles »Chinesischer Raum«*) überzeugen mich nicht.

was mich persönlich mehr interessiert ist, den rechner als stichwortgeber und inspirationsquelle zu benutzen. das klappt schon recht gut, finde ich. daran ist zwar nichts intelligent, aber es bringt erstaunliche ergebnisse.

sollte es einmal so weit sein, dass maschinen so gut schreiben wie menschen, werden künstlerinnen wege finden, auch damit neue spannende kunst zu machen. meine datenpoesie wird das nicht betreffen, denn die wird dann schon längst historisch sein und das wort ›daten‹ wird keine bedeutung mehr haben.

Welche philosophischen und linguistischen Theorien waren/sind für dich wichtig?

meine theoretische bildung würde ich als eher mäßig bezeichnen. ich hab nur bruchstückhaftes wissen und leider keine allgemeine philosophische bildung, was ich sehr bedauere. ich hab viel wittgenstein gelesen, den tractatus aber auch spätere schriften, ein bisschen deleuze, während meines studiums einiges an linguistischer theorie wie chomsky. ein wenig searle, ein wenig kybernetik wie heinz von foerster. aber eigentlich habe ich keine ahnung.


* https://de.wikipedia.org/wiki/Chinesisches_Zimmer

Über den Künstler

© Paloma Llambias

Jörg Piringer, geboren 1974, lebt in Wien. Er ist Mitglied des Instituts für transakustische Forschung und des Gemüseorchesters und arbeitet in den Lücken zwischen Sprachkunst, Musik, Performance und poetischer Software.

http://joerg.piringer.net

 

 

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