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Editorial: Faszination Poetryfilm?

Liebe Leserin, lieber Leser,

Gedichte sind keine ›Drehbücher‹ für Kurzfilme. Wer Poesiefilme als bloße Verfilmungen von Lyrik missversteht, wird ihnen nicht viel abgewinnen.

Dabei hat das Genre wesentlich mehr zu bieten. Und immer mehr Menschen werden sich dessen bewusst. Längst ist ein Publikum entstanden, das poetische Kurzfilme international rezipiert und diskutiert. Hierzulande findet mit dem ZEBRA »Filmfest der Dichtkunst« alle zwei Jahre in Berlin das weltweit größte Poesiefilm-Festival statt. Zuletzt im Oktober 2014 zum 7. Mal. Was fasziniert so viele Menschen an diesem Kurzfilmtyp?

Der Poetryfilmkanal möchte Poesiefilme als ›riskante Experimente‹ verstehen, die keineswegs auf Kosten der Literatur unternommen werden. Im Gegenteil: Als einfache Poetry-Clips oder anspruchsvolle Adaptionen von Gedichten, die den jeweiligen Text in einem audiovisuellen Medium deuten, weiterschreiben und Zugänge schaffen, sind Poesiefilme immer zugleich Einladungen zum Zuhören und zum (erneuten) Lesen. Inzwischen werden sogar Gedichte und lyrische Texte eigens für Poesiefilme geschrieben. Sie ähneln damit Songs und Liedern. Doch werden die Filme, in die sie eingehen, nicht kommerziell oder für kommerzielle Zwecke produziert. Anders als etwa im Musikvideo spielt Product Placement im Poesiefilm bislang keine größere Rolle.

In der Regel entstehen Poesiefilme aus einer Independent-Kultur heraus. Mittlerweile werden sie obendrein im universitären Seminar- und im Schulbetrieb immer beliebter. Gedichte bieten fantasievolle und bedeutungsoffene Anknüpfungspunkte für visuelle Gestaltungen. Allerdings: So zeitgemäß der Poesiefilm ist, auch er muss wie jedes Filmgenre sein Format immer wieder aufs Neue unter Beweis stellen. Überzeugende Poesiefilme zu drehen, ist eine äußerst zeitaufwendige und vielschichtige Herausforderung. Vom Textverständnis über die visuelle Transformation – als Realfilm oder als Animation – bis hin zur Gestaltung des Tons und Voice-overs kann der Film an vielen Stellen scheitern.

Das Fragezeichen im Titel scheint uns daher nötig – auch noch aus einem anderen Grund. Bittet man zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker um ihre Meinung zum Poesiefilm, so überwiegt oftmals noch die Zurückhaltung. Zwar fühlt sich die eine oder der andere durchaus geehrt, wenn seine bzw. ihre Texte plötzlich auf der Kinoleinwand Aufmerksamkeit finden. Hinter vorgehaltener Hand wird aber doch gerne Unzufriedenheit, Unverständnis oder gar offenes Desinteresse geäußert. Bislang greifen nur wenige Dichterinnen und Dichter die sich hier bietenden Chancen offensiv auf und gehen kreative Partnerschaften mit FilmemacherInnen ein. Auch aus diesem Dilemma möchte der Poetryfilmkanal durch eine offene Diskussion hinausführen, von der beide Seiten – wie immer sie verläuft – nur profitieren können.

Call for Essays

Der erste Durchgang des Blogs ist deswegen bewusst allgemein gehalten. Zunächst werden wir ganz grundlegenden Fragen nachgehen: Was macht einen Poesiefilm spannend, worin besteht seine Faszination? Gibt es dafür eine einheitliche Antwort oder muss man diese hinsichtlich des Real- und des Animationsfilms unterscheiden? Welche Texte eignen sich besonders für die filmische Adaptation? Welche Rolle kommen Ton und Voice-over dabei zu? Woran liegt es dennoch, dass so viele Filme missglücken? Wie lässt sich das vermeiden?

Die Diskussion wird in kürzeren Blogtexten von 3000-4000 Zeichen erfolgen. Wir laden dazu immer wieder Beiträgerinnen und Beiträger ein. Alle am Thema Interessierten sind jedoch gefragt. Gerne können Sie etwas von sich aus beisteuern. Am Ende des Jahres werden wir aus den Statements und Texten das erste Heft des Poetryfilm Magazins gestalten.

Wir freuen uns sehr auf eine anregende und lebhafte Diskussion!

Aline Helmcke, Guido Naschert

 

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