Film des Monats

Geld oder Leben

Film des Monats September 2017 •

Künstlerische Projekte entstehen in der Regel nicht aus einem kommerziellen Interesse heraus, sondern aus der starken Motivation, sich mit formalen, bildnerischen und/oder inhaltlichen Aspekten auseinanderzusetzen und diese in eine künstlerische – oder, wie im Autorenkurzfilm – audio-visuelle Form zu bringen. Wer die Priorität seiner künstlerischen Tätigkeit auf das konsequente Verfolgen dieser Werte legt, riskiert allerdings, finanziell in eine fragile Situation zu geraten. Stefan Dörings Gedicht »Geld oder Leben« veranlasste den Berliner Künstler und Filmemacher Jakob Kirchheim in seinem gleichnamigen Film, das Verhältnis beider Werte auszuloten. Passend zum Thema: »Geld oder Leben« ist ohne finanzielle Förderung entstanden.

Der Film entstand 1990 in Berlin. Jakob Kirchheim wurde in München geboren. Er studierte Bildende Kunst an der Hochschule der Künste in Berlin. Berlin gilt seit jeher als Stadt der Künstler und der Kreativen. Eröffneten sich kurz nach dem Mauerfall neue Möglichkeitsräume, die Hoffnungen weckten, neue Formen sozialen Miteinanders zu schaffen, so machten diese im Zuge der Wiedervereinigung schnell wirtschaftlichen Belangen Platz. Kirchheim verbindet in seinem Film Innenaufnahmen seiner eigenen Arbeitsumgebung mit Außenaufnahmen Berlins. Auf diese Weise stellt er Bezüge sowohl zum individuellen als auch zum gesellschaftlichen Leben »da draußen« her.

Kirchheim entdeckte Stefan Dörings gleichlautendes Gedicht in einer Anthologie des Fischer-Verlags. Der Text erzeugt eine inhaltliche Spannung zwischen den Werten »Geld« und »Leben«, indem er auf formaler Ebene agiert: gewohnte Redewendungen, die die Worte »Geld« und »Leben« enthalten, werden verfremdet: aus »am Leben bleiben« wird »am geld bleiben«, aus »wenn […] Geld ins Haus kommt« »wenn […] leben ins haus kommt«. Diese subtilen, ironischen Verkehrungen provozieren die Frage, welcher der Begriffe den größeren Stellenwert hat oder haben soll und verweist auf das Paradoxon, dass das eine ohne das andere nicht möglich ist: die Entscheidung des Entweder/Oder, für Geld oder Leben, funktioniert, wenn einem die Pistole an den Kopf gehalten wird. In der Alltagspraxis ist sie nicht auflösbar.

Geld oder Leben ist auf schwarz-weißem Super8-Material entstanden und verbindet einzelbildweise aufgenommene Fotografien mit der Drucktechnik des Linolschnitts. Der Kurzfilm hat keine Tonspur. Der Betrachter hört das Gedicht Dörings also nicht, er betrachtet und liest es. Wortweise. Bereits in vier seiner vorigen beziehungsweise parallel entstandenen Filme Zurückbleiben – ein Linolfilm, Alfabet, Linolbüro und Kipp-Krise spielt der Text als visuelles Element eine tragende Rolle.

In einer der ersten Einstellungen sieht man den Künstler mit der Druckvorlage: dem gesamten in Linoleum geschnittenem und gedrucktem Gedicht, das im folgenden Verlauf Wort für Wort einzelbildweise aufgenommen wurde. Das Gedicht besteht ausschließlich aus Kleinbuchstaben, während Kirchheim durchgehend Großbuchstaben verwendet. Das lässt sich auf die Technik des Linolschnitts zurückzuführen: Winkel und gerade Linien, wie die meisten Großbuchstaben sie aufweisen, sind weitaus einfacher zu schneiden als abgerundete Lettern. Jedes Wort erscheint ausgeschnitten in einem Rahmen aus Druckfarbe. Der Text lässt Assoziationen von per Hand geschriebenen Schrifttafeln aufkommen und erhält so agitatorische Qualität.

Die einzelnen Worte werden je zusammen mit einer Fotografie gezeigt. Damit entfaltet jeder Begriff automatisch einen inhaltlichen wie formalen Bezug zum jeweiligen fotografischen Bildraum.

Bis auf wenige Realfilmsequenzen entstand der Film direkt in der Kamera. Die Wahl der Bilder wirkt sehr persönlich. Während die Außeneinstellungen lebendige, gleichzeitig anonyme Aufnahmen im Berliner Stadtraum zeigen (z. B. das Tacheles und den Alexanderplatz in Berlin-Mitte), eröffnen die Innenaufnahmen Einsicht in Kirchheims Wohnung, sein Atelier, seine Arbeitsumgebung – und ihn selbst in diesem Umfeld. Die Porträts entstanden überwiegend mithilfe eines Selbstauslösers.

Geld oder Leben verschließt sich einer konkreten narrativen Interpretation. Gleichwohl entsteht ein sehr persönlicher Eindruck, der trotzdem nichts Konkretes über den Künstler verrät. Die Abfolge der Einstellungen scheint mehr auf die Worte und den Prozess des Erschaffens dieser Worte – und damit des Films – zu verweisen. Diese Selbstreferenzialität verweigert dem Betrachter den Zugang zu einem narrativen Handlungsraum. Ein Sich-Vertiefen in die Standsequenzen, ein assoziierendes, kontemplatives Betrachten des Films, ist ohnehin nicht möglich. Das liegt einerseits an der Kürze der Einstellungen, andererseits an der Tatsache, dass die Fotografien zusammen mit dem Text auftauchen.

Die Abfolge und Dauer jeder Einstellung bestimmte Kirchheim im Vorfeld mittels einer Partitur. Der Film könnte als Ablauf einzelner Bild-Wort-Gefüge wahrgenommen werden. Andererseits ergibt sich im filmischen Fluss die Wortfolge und damit der Sinn des Gedichts, die der Betrachter beim Schauen konzentriert zu erfassen und mit den Bildinformationen zu verbinden versucht. Die schnelle Aufeinanderfolge der Einstellungen erzwingt eine Rezeptionsform beständigen Springens zwischen Lesen, Schauen und Assoziieren der einzelnen Wort-Bild-Setzungen und dem Versuch, das Gedicht als Ganzes nachzuvollziehen. Auf diese Weise ruft Geld oder Leben komplexe Assoziationen und Bedeutungszusammenhänge auf, die einander nie vollständig zuzuordnen sind. Trotzdem gelingt es dem Film, nicht auseinanderzubrechen. Vielmehr erzeugen die formalen wie inhaltlichen Brücken einen Sog, der bis zur letzten Einstellung trägt und einen spannungsvollen Gesamteindruck hinterlässt.

Über den Film

Geld oder Leben
D 1990, 3:10 min
Regie: Jakob Kirchheim
Gedicht: Stefan Döring. – Das Gedicht erschien in der Anthologie: Sprache & Antwort. Stimmen und Texte einer anderen Literatur aus der DDR. Hrsg. von Egmont Hesse. Frankfurt am Main: Fischer, 1988, S. 90.

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