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Editorial: Poetryfilm als Kunst

Liebe Leserin, lieber Leser,

inwieweit ist der Poetryfilm als Kunstwerk zu bezeichnen? In welchen Ausprägungen hat er sich als Kunstform bereits etabliert? Sicher gesteht die Poetryfilmszene ihm den Status eines Kunstwerks zu. Sobald man über diese hinausblickt, scheint die Existenz des Poetryfilms als eigenständige Form (Gattung?) der Bildenden Kunst jedoch infrage zu stehen.

Sicherlich ist eine Bestandsaufnahme der Orte, an denen Poetryfilme gezeigt werden, aufschlussreich. Da wäre zunächst das Kino. Hier laufen Dichterfilme wie Der Club der toten Dichter, Neruda oder Paterson, die der Dramaturgie und Bildsprache des Mainstream Cinema folgen und meist wenig experimentelle Aspekte aufweisen. Darüber hinaus gibt es eine Tradition des poetischen Autorenkinos, welche die Nähe von Film und Poesie für den Featurefilm fruchtbar machen wollte und in der die Sprache des Gedichts stilbildend für die Filmsprache wurde.

Künstlerische Formen von Poesiefilmen finden sich oftmals aber auch dort, wo sie nicht für die Kinoleinwand produziert wurden. Ob es sich um experimentelle Kurzfilme, Sprach/Video-Installationen, Interaktive Anwendungen, Performances oder andere für Galerie- und Ausstellungskontexte gestaltete Formate handelt: die audiovisuelle Avantgarde verlässt das Kino und bringt den Poesiefilm in Räume der Bildenden Kunst, in denen man ihn zunächst nicht erwartet.

Filmfestivals zeigen diese Filme in der Regel selten, weil sie auf der Kinoleinwand nicht ebenbürtig funktionieren. Im Kontext der Bildenden Kunst hingegen werden sie nicht als dem Poesiefilm zugehörig wahrgenommen, obschon die gattungsspezifischen Problemstellungen der Integration und Relation von Text, Ton und Bewegtbild dieselben sind.

In dieser Ausgabe wollen wir zugleich über den künstlerischen Status des Poetryfilms nachdenken und bildkünstlerische Experimente näher untersuchen, die nicht primär für die Kinoleinwand entwickelt wurden. Was können wir von ihnen darüber lernen, inwieweit sich der Poesiefilm als Kunst – die Anspielung an Rudolf Arnheims Klassiker ist Absicht – inzwischen etabliert hat.

CALL FOR ESSAYS

Wir suchen daher Beiträge, die sich exemplarisch oder allgemein mit bildkünstlerischen Aspekten des Poesiefilms beschäftigen. Sei es, dass sie einzelne Installationen oder Performances besprechen, einzelne Künstler oder Events in den Fokus stellen, Traditionslinien der Film- und Kunstgeschichte untersuchen oder an theoretische Diskurse anknüpfen.

So ließe sich fragen, ob Poetryfilme in erster Linie Kunstwerke oder Medienereignisse sind? Steht der Werk- oder der Ereignischarakter im Vordergrund? Wie wird die Performativität des lyrischen Vortrags in die geschlossene Form des Kurzfilms integriert? (Performativität kennzeichnet sich durch Unwiederholbarkeit. Ist diese Kategorie für das Medium Film überhaupt angemessen?). Inwieweit wird die Ebene des Filmischen aufgebrochen, um dessen Audio-Visuelle Einheit zu verlassen? Wie gehen installative oder interaktive Werke mit der Verknüpfung von Text-, Sound- und Bewegtbild um? Welche Rolle spielt dabei die Assoziationsbreite von Text-Bild-Verbindungen? Wünschenswert wären Beiträge, die das Spannungsfeld von Performativität und Medialität am Beispiel des Poetryfilms ausloten.

Alle Interessierten sind herzlich einladen, uns ihre Essays (bis 10.000 Zeichen lang und möglichst ohne Fußnoten) bis Ende Juli einzusenden.

Wir freuen uns auf eine anregende Diskussion!

Aline Helmcke, Guido Naschert

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