Film des Monats

Der Conny ihr Pony

Film des Monats Februar 2015

Hätte sich die Conny doch nur einen Braunbären gewünscht! Ihr Pony passt einfach nicht in den Schaffhausener Bus. »Der Conny ihr Pony« (2008) von Robert Pohle und Martin Hentze ist bereits ein allseits bekannter Poesiefilm. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und war 2009 sogar für den Deutschen Filmpreis nominiert. Er beruht auf einem Text des Schweizer Slam-Poeten Gabriel Vetter.

Was aber wäre passiert, wenn Conny tatsächlich einen Braunbären bekommen hätte? Sie malt es sich dramatisch aus: Der Bär hätte die Schaffhausener Rentner gefressen, sich an einem Hüftgelenk verschluckt, wäre verwest und hätte dadurch das Grundwasser vergiftet. Das Rentnergeld wäre brach gelegen und die Schweiz schließlich von den Bulgaren eingenommen worden.

Gabriel Vetter entwirft in seinem Text ironisierend ein traumatisches Erlebnis im Übergang zur Pubertät, das sich im Kopf des Kindes zu einer großen Zerstörungsphantasie ausweitet. Ihr fällt schließlich das ganze Land zum Opfer. Der grotesk-absurde Ausgangskonflikt steigert sich also bis zur Katastrophe, um mit einer ebenfalls absurden, fast resignativen Schlusspointe zu enden. Der Autor, 1983 in Schaffhausen geboren, gehört seit einigen Jahren zu den erfolgreichen Slam-Poeten und Kabarettisten seines Landes. 2011 kürte man ihn zum Schweizer Meister im Poetry Slam. Seine Texte leben von der Mischung aus energischer Performanz und kabarettistisch-aggressiver Satire. Genau damit dominiert er den Film und verleiht dem Visuellen Struktur.

Der Poesiefilm von Pohle und Hentze ist eine Semesterarbeit, die 2008 unter der Betreuung von Prof. Uli Kühnle und Karl Schikora an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle entstand. Der Film bedient sich einer mixed media-Ästhetik, die Zeichen- und Legetrick mit digital erzeugten Retroelemente (Staub und Kratzer im Super 8-Film) verbindet. Wir sehen ein Arrangement aus Animation, Realfilm, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien. Die Kameraschwenks sind dabei ein dominantes Bindeglied zwischen Szenen und Einstellungen. Sie geben den visuellen Rhythmus an und verstärken den Eindruck von Tempo und Druck, der durch den Vortrag erzeugt wird.

Diese Schwenks verdeutlichen, dass der Film eigentlich in einer multimedialen Welt spielt, die aus einem noch größeren Raum heraus entsteht: dem Arbeitsraum des Filmemachers. Die Kamerabewegungen tasten diesen Raum aus, indem sie sich auf unterschiedliche Bildausschnitte konzentrieren, welche die jeweilige Szene ausmachen. An zwei Stellen greifen Künstlerhände sichtbar ins Geschehen ein und heften z.B. einer der Conny-Zeichnungen mit dem Klammeraffen eine Zahnspange an und setzen ihr eine reale Brille auf (Min. 02:01–02:09; auch 04:07). Durch derartige Fiktionsbrüche werden die Werkstatt und das Spiel mit den grafischen Möglichkeiten bewusst gehalten. Das engt zwar den Imaginationsraum des Textes ein, bereichert ihn jedoch zugleich um neue Betrachtungsmöglichkeiten.

Einzelne Elemente des Textes werden direkt bebildert. Der Poetryfilm zeigt allerdings nur einen Ausschnitt dessen, was der Text an Handlung beschreibt, und er öffnet auch nie den Blick in den gesamten Arbeitsraum des Filmemachers. Zuweilen verbinden sich Text und Bild ganz direkt: so am Anfang, wenn das Voice-over auf die Lippenbewegungen eines gezeichneten, animierten Conny-Portraits abgestimmt wird (Min. 00:35). Außerdem machen Sprechblasen den Text lesbar und integrieren ihn ins Gesamtgefüge des Gezeigten. Mit dem Signal des Megafons verweist das Bild (ironisch?) auf die Lautstärke des Rezitierenden (Min. 00:35–00:41).

Interessant ist zudem der freie Umgang mit der Hauptfigur. Wird Conny im Text als elfjähriges Mädchen mit Zahnspange und einer Brille mit Abdeckkleber beschrieben, vermeidet der Film ein zu einfaches Klischee. Die Protagonistin taucht in allen erdenklichen Variationen auf, womit die Filmemacher es dem Betrachter überlassen, sich seine eigene Conny auszusuchen. Eine ähnliche Offenheit (wenngleich in geringerem Maße) besteht für das Pony, den Bären und den Bus. Mit derartigen Strategien der visuellen Öffnung wird der Anschein einer linearen und logischen Geschichte unterlaufen und die Behauptung der einen, richtigen Visualisierung des Textes aufgegeben.

Der Film hat alles, was einen erfolgreichen Poesiefilm auszeichnet: das gekonnte visuelle Spiel mit der Vorlage, die nie zu einfach bebildert wird; das Vermeiden kitschiger Sentimentalität und das Selbstbewusstsein, dem Text durch die eigene Medienvielfalt etwas Neues hinzuzufügen.

Informationen zum Film

  • Der Conny ihr Pony
  • Deutschland 2008, 4:46 Min.
  • Animation: Robert Pohle u. Martin Hentze
  • Text u. Voice-Over: Gabriel Vetter
  • Preise: u.a. 1. Preis des ZEBRA Poetry Film Festivals 2010

 

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