Film des Monats

Blue Flash Flash

Film des Monats Juli 2018 •

Für das Rezitieren von Gedichten bedarf es der richtigen Atmung. In Gedichten, die in einem Atemzug gelesen werden müssen, wird damit auf sportliche Weise gespielt. Der Film »BLUE FLASH FLASH« von Jane Glennie nach einem Gedicht von Julia Bird beschreibt den Moment eines kindlichen Worterwerbs und fordert uns zum Selbstversuch heraus.

Apnoea heißt das künstliche Atemanhalten. Der Freediver Aleix Segura aus Barcelona bringt es darin (nach vorheriger Einnahme von Sauerstoff) auf stattliche 24 Minuten. Einen offiziellen Weltrekord im Gedichte rezitierenden Ausatmen gibt es noch nicht. Aber wenn es ihn geben soll, wäre die Rezitation des Gedichts BLUE FLASH FLASH von Julia Bird ein wunderbarer Anfang für diesen Wettbewerb. 39 Sekunden braucht Robert Glennie, um das Gedicht zu lesen, und man hat das Gefühl, sie dauerten trotz des gehetzten Lesens länger als die 24 Minuten Stillstand von Seguras Apnoea-Weltrekord.

Julia Bird, Gründerin von Jaybird Live Literature, verfügt über zwanzig Jahre Erfahrung als Literaturfördererin, unter anderem für die Poetry Book Society, die Poetry School und die Poetry Society. Vor der Gründung von Jaybird Live Literature produzierte sie als freie Mitarbeiterin Touren für das British Council und das Poetry Translation Center. Ihr Poem to be Read on One Breath: Blue, das dem Film BLUE FLASH FLASH zugrunde liegt, erschien 2013 in ihrem Band Twenty-four Seven Blossom.

Sie sagt: »Ich habe eine Reihe von Gedichten geschrieben, die im einem Atemzug gelesen werden sollen. Ich komponiere gerne Gedichte innerhalb von Einschränkungen, sei es in einer traditionellen Form wie Sonetten oder Haiku oder in einer Reihe von Regeln, die ich für mich selbst aufgestellt habe.«

Julia Birds eigene Regeln für die in einem Atemzug zu lesenden Gedichte unterstreichen den spielerischen Charakter dieser Gedichtform: »Die Länge des Gedichts darf nicht länger sein, als Sie alles auf einmal laut vorlesen können. Wenn Sie zu den letzten Worten gelangen, sollten Sie den Atem aushauchen können und Ihre Nachricht mit atemloser Dringlichkeit liefern. Das Fassungsvermögen Ihrer Lunge bestimmt die Länge Ihres Gedichtes. Sie müssen sich nicht um regelmäßige Linienlängen oder wiederholte Reimmuster kümmern – dies ist eine sehr prosaische poetische Form. […] Die Anekdote oder das Gefühl, über die Sie schreiben möchten, müssen sachlich richtig sein. Denken Sie zurück an Momente hoher Emotionen in Ihrem Leben – welche Geschichte oder Empfindung möchten Sie bewahren? Es muss in der Gegenwart sein – die Leser möchten im Moment bei Ihnen sein.«

Jane Glennie, die Birds Gedicht kongenial ins Bild gesetzt hat, ist eine an der Kingston und an der Reading University ausgebildete Künstlerin und Typografin. Sie stellt ihre Arbeiten national und international aus und verwaltet und kuratiert Projekte mit anderen Künstlern, wie etwa die von Art Council England finanzierte Veranstaltung Engage with Art. Die Ästhetik ihres Films ähnelt den Flicker-Filmen, die sie in ihrem Essay zu dieser Ausgabe des Poetryfilm Magazins vorstellt.

Beim Weimarer Poetryfilmpreis 2018 erhielt ihr Film eine Special Mention. Die Jury kam zu der Bewertung: »Blaue Blubber füllen die Leinwand und unser Hirn. Was sehen wir? In Blue Flash Flash interpretiert Regisseurin Jane Glennie auf eine innovative und hoch ästhetische Weise das ›One Breath Poem‹ (›Ein-Atemzug-Gedicht‹) der Autorin Julia Bird. Wir nehmen teil an einem entscheidenden Moment im Leben eines Kindes: dem Erlernen eines neuen Wortes – ›octopus‹ (›Tintenfisch‹). Aus dem Dickicht der Klänge dringt das neue Wort, reist über die Synapsen und manifestiert sich für immer im Gehirn. Der magische Moment der Erkenntnis! Der Film reflektiert über diesen komplexen Prozess mit exakt getakteter Montage und hybrider Verwendung von Medien. Wir sind Zeugen eines bedeutenden Schritts des Identitätsaufbaus – der Aneignung von Sprache auf spielerische Weise.«

Wer es vorzieht, den Lese- und Atmungsatest lieber in deutscher Sprache auszuprobieren, der mag dazu folgende Version nehmen:

Ich bade meinen Kleinkind-Neffen und tue dies mit Vorsicht, da es so viele Möglichkeiten gibt, das Kind eines anderen in solch einer Umgebung zu beschädigen, etwa durch Verbrühungen, Ertrinken oder Kriegsschiffattacken; aber wir haben eine nützliche Unterhaltung über Steetierbadewannenspielzeug aus Kunststoff, während der ich ›Tintenfisch‹ sage und er ›Tintenrisch‹ sagt, und ich sage ›Tintenfisch‹ und er sagt ›Flintentisch‹, und ich sage ›Tintenfisch‹ und er sagt ›Tintenfisch‹, und ich sehe wie der blaue Blitz Blitz, das relevante Neuron, seine Tentakel festzieht und sie für immer verschließt.

Poem to be Read on One Breath: Blue

by Julia Bird

I am bathing my toddler nephew and doing so cautiously as there are so many ways to shopsoil someone else’s child in a setting such as this such as scalding or drowning or man o’ war attack but still we are having a useful chat about plastic seafood tub toys during which I say octopus and he says doctoper and I say octopus and he says octoper and I say octopus and he says octopus and I see the blue flash flash as the relevant neurone wriggles its tentacles into place and locks them down for ever

Informationen zum Film
BLUS FLASH FLASH
Großbritannien 2017 • Realfilm • 0:39 min
Regie: Jane Glennie
Text: Julia Bird: Twenty-four Seven Blossom. 2013.
Preise: Special Mention beim 3. Weimarer Poetryfilmpreis 2018.

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