Film des Monats

Bismarckallee

Film des Monats März 2016 •

Im Poetryclip »Bismarckallee« erzählt die Lyrikerin und Slammerin Franziska Holzheimer von spalierstehenden Birken, gläsernen Gattinnen und einem großen Vorstandsmann. Was wir sehen sollen, sehen wir in ihrem Gesicht.

Der große Vorstandsmann fragt: Ab welchem Moment ist die Autorin keine Göttin mehr? Er fragt: Wann verliert die Autorin denn endlich die Kontrolle über ihren Text? (Und damit über mich?)

Wir antworten dem großen Vorstandsmann: In diesem Poetryfilm behält die Autorin in jeder Sekunde die Kontrolle. Das gelingt, weil sie in die Kamera schaut und ausdrucksstark ihren Text vorträgt, das Gedicht »Bismarckallee«.

Viel mehr geschieht nicht. Sie steht und trägt vor. Ansatzlos schneidet sie sich an verschiedene Orte, steht mal beim Fluss, mal am Deich, mal in einer Kleingartenanlage. Manchmal befindet sie sich in einem raumlosen, also schwarzen Raum. Dort steht sie und spricht. Sie spricht ihr Gedicht. Wir sehen ihr Gesicht, ihr Gesicht sehen wir, ihr Gesicht ist, was wir sehen, ihr Gesicht, danach erst ihr Gedicht. Das Gedicht verschwindet hinter ihrem Gesicht.

Doch ab und an, sagt der große Vorstandsmann, schlagen doch bewegungslose Standbilder wie Blitze in den Vortrag des Gedichts. Einen brutalen Baseballschläger sehe ich, grünen Nagellack und eine blonde Perücke und auch eine edle Cognackristallkaraffe. Ab und an sprechen doch die Standbilder mit dem gesprochen Wort, sagt der große Vorstandsmann. Wenn sie sagt »Es liegt Laub / hier«, sehe ich künstliche Fingernägel, sie scheinen wie Laub zu liegen.

Ja, großer Vorstandsmann, das siehst du. Aber der Rest des Poetryfilms gehört dem Gesicht der Autorin.

Ein Gesicht ist interessanter als jedes Wort. Gleich welches Gesicht, gleich welches Wort. Wir verlieren uns in jedem Gesicht. Wir entdecken Leben darin und sind wir keine Psychopathen, bei denen der orbitofrontale Cortex und die Amygdala kaum aktiv sind und das paralimbische System defekt ist und die Inselrinde und Gürtelwindung, dann empfinden wir etwas dabei.

Dass wir etwas empfinden können, womöglich Empathie, womöglich sogar mit dem Menschen, der uns gegenübersteht, ist mutmaßlich auch den Spiegelneuronen geschuldet. Was wir sehen, spiegelt sich in unserem Kopf. Ein Gefühl dupliziert sich. Wir sind in der Lage, das Gefühl der Anderen anzunehmen. Ist sie traurig, können wir Trauer empfinden. Lacht sie, wollen wir ebenfalls lachen. Verabscheut sie etwas – wie Herrenmäntel auf lederschwarzen Rückbänken – mögen wir diese Herrenmäntel nicht. Spottet sie, dann sehen wir das Lächerliche in den Dingen. Den Spiegelneuronen sei dank ist unser Fühlen das Gesicht unserer Gegenüber.

Was sehen wir im Gesicht gegenüber, dem Gesicht der Autorin?
Wir sehen dich, großer Vorstandsmann, der alles hat –
einen dunkelblauen Anzug,
eine Gattin aus Glas,
einen harten Duschstrahl,
Autos mit viel PS.
Wir sehen dich, der du nichts hast,
weil dir die Schönheit einer Nacht abgeht,
der Tau,
das Nieseln,
der du nichts hast, weil dir die Bäume der Bismarckallee nicht Wunderwerke der Natur sind sondern Objekte, die dir, großer Vorstandsmann, Spalier stehen.

Du musst eine arme Wurst sein, großer Vorstandsmann, sagt uns das Gesicht der Autorin, wir sollten auf dich niedersehen, großer Vorstandsmann, wir sollten dich bemitleiden, großer Vorstandsmann, weil du vom Unwichtigen alles besitzt und vom Wichtigen nichts.

Das sagt uns dieses Gesicht in diesem Poetryclip. Es ist das Gesicht der Autorin und es ist ein Gesicht, mit dem sie ihn kontrolliert und damit auch uns.

Informationen zum Film

  • Bismarckallee
  • Deutschland 2014, 2:42 Min.
  • Text, Performance, Konzept: Franziska Holzheimer
  • Kamera, Schnitt, Konzept: Bjoern Dunne
  • Ton: Duc Vi Tang
Informationen zum Autor

petermann, stefan - autorStefan Petermann wurde in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus Universität Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern, danach der Erzählband Ausschau halten nach Tigern. Für seinen letzten Roman Das Gegenteil von Henry Sy wurde er vom Literaturhaus Bremen ausgezeichnet. 2015 war er Stadtschreiber von Wels.

www.stefanpetermann.de

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