Interview, Magazin

Zeitlicht

Ein Werkstattgespräch mit der Berliner Künstlerin und Filmemacherin Betina Kuntzsch

Betina Kuntzsch bringt unterschiedlichste Materialien im Medium Video zusammen. So verwendet sie Zeichnungen, alte Filmfragmente, aber auch programmierte Visualisierungsformen, um ihre Installationen und Videoarbeiten zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit der Autorin Kathrin Schmidt gestaltete sie drei Poesiefilme: Jeder Text ist ein WortbruchBrandmaler und Zeitlicht. Letzterer war unter anderem im Wettbewerbsprogramm des 1. Weimarer Poetryfilmpreises zu sehen. 


Aline Helmcke: Mit welchen Inhalten oder visuellen Aspekten beschäftigst du dich als bildende Künstlerin und Filmemacherin?

Betina Kuntzsch: Meine Arbeiten als bildende Künstlerin bezeichne ich als Video-Zeichnungen. Da ist einmal der zeichnerische Ansatz, das Entdecken, das skizzierende Nachbilden, das ›Naturstudium‹, die Arbeit mit der Linie. Und dann das Video, das fotografisch-dokumentarische, Zeit und Bewegung. Es gibt Video-Zeichnungen auf Papier, wo ich Bilder schichte und zum Beispiel aus einem Beton-Autobahnkreuz eine kristalline, leichte Struktur wird. Zum anderen gibt es die Video-Zeichnungen auf Monitoren oder  auch als Großprojektionen im Raum – das sind dann abstrakte Linienanimationen.

In der Arbeit als Filmemacherin interessiert mich der animierte Dokumentarfilm. Dabei verfolge ich einen archivarischen Ansatz. Seit einigen Jahren sammle ich alte Stummfilmfragmente, scanne sie, montiere die oft nur wenige Bilder langen Szenen zu neuen Geschichten, verbinde sie mit Animationen oder neu gedrehtem Material – und mit Text und Musik.

Was bedeutet Film für dich im Verhältnis zu deinen anderen bildkünstlerischen Arbeiten?

Von der Produktion her sind es ähnliche Prozesse, manchmal gehen beide Bereiche ineinander über. So verwende ich Videostills für Papierarbeiten oder scanne Zeichnungen und animiere sie.

Zeit und Bewegung spielen in allen meinen Arbeiten eine Rolle. In letzter Zeit kommen noch soziale oder biografische Prozesse hinzu. Biografien von Außenseiterinnen interessieren mich sehr. Das Thema kann man auf verschiedene Weise erzählen, im Film oder als Installation.

Gibt es eine bestimmte Art und Weise, wie du deine Arbeiten entwickelst? Deine Filme scheinen mir nicht im klassischen Vorgehen (erst Script, dann Storyboard, dann Umsetzung) zu entstehen.

Am Anfang gibt es ein paar Skizzen, Worte und Zeichnungen, klassisch mit Stift auf Papier. Aber dann fange ich ziemlich schnell an zu animieren und zu montieren. Ich muss sehen, ob es funktioniert. Ich gehöre nicht zu den Filmemachern, die den fertigen Film im Kopf haben, bevor sie beginnen. Für mich ist das Interessanteste, wie der Film entsteht, ja was für ein Film entstehen will. Wenn ich das vorher wüsste, hätte ich keinen Spaß mehr am Projekt. Da ist auch Scheitern möglich. Das fängt schon bei den Filmförderungen an, die meist aufgrund von Drehbüchern entscheiden.

Im Arbeitsprozess sammle, experimentiere, schichte ich Bilder, Texte, Musik. Und am Schluss steht dann das große Wegschmeißen, Aussortieren, Reduzieren. Diese Arbeitsweise ist natürlich zeitaufwändig, aber hoch spannend. Ich provoziere gern den Zufall, schaue, was passiert, wenn ich Filmszenen gegeneinander stelle, überlagere – das kann ich vorher nicht planen. Zumindest funktioniert es immer völlig anders als geplant.

Auch den Rhythmus des Filmes, die Länge der Szenen – das muss ich sehen.

Film ist ja bekanntermaßen auch das, was zwischen den Bildern passiert.

Welche Bedeutung haben Gedichte für dich? Inwiefern können sie Anstoß oder Ergänzung für eine filmische Idee sein? An welcher Stelle bekommt das Gedicht eine Bedeutung?

Gedichte, also die, die für mich interessant sind, die mich ansprechen und begeistern, sind konzentrierte Texte, Textkonzentrate. In der Arbeit daran hat der Autor Vieles an Beobachtung, Umsetzung, Reduktion eingebracht. Beim Lesen werden diese Welten wieder ›ausgepackt‹, also mit Assoziationen, eigenen Lebenserfahrungen, Phantasie angereichert.

Das möchte ich auch mit den Bildern, der Montage, den Filmen insgesamt erreichen. Meine Filme sind sehr kurz, nur vier bis fünfzehn Minuten meist. Aber in dieser Zeit kann ich eine ganze Biografie erzählen. Ich reiße eine Geschichte an und im Kopf des Betrachters wird der Faden weiter gesponnen.

Gedichte können mit ihrer Struktur das Skelett eines Filmes bilden, an das die Bilder ›nur‹ noch angedockt zu werden brauchen. Das Gedicht kann ich auswählen, einen Text, der mich inspiriert. Der eine Idee, einen Gedanken formuliert, der mich gerade beschäftigt. Das Gedicht gibt die Story vor und auch die Dramaturgie. Die Bilder setze ich dann zu den Worten in Beziehung, illustriere sie oder gerade nicht. In der Montage entsteht ein Wechselspiel, ein Pas-de-deux.

Deine Filme entwickeln durchweg eine haptische Qualität, obwohl der Film als Material an sich ja in der Projektion ungreifbar ist. Das finde ich einen spannenden Aspekt. Kannst du dazu etwas sagen?

Ich mache sowohl Arbeiten auf Video wie auch auf Papier oder arbeite mit klassischen Drucktechniken wie Siebdruck oder Photo-Ätzung. Das Prozesshafte, das auch im Endergebnis sichtbar bleibt, ist mir wichtig.

Der Materialwiderstand beim Film oder Video äußert sich z. B. in der Bildstörung. Diese ergibt grafisch außergewöhnliche Gebilde, die ich in meine Arbeit einbeziehe. Filmschmutz und Kratzer – das sind wunderbare Zeichnungen. Eigentlich ja Spuren von Benutzung, Abnutzung,  aber sie haben grafische Qualität. Und der Aspekt des Alterns, des Gebrauchs, der spielt immer mit.

Der Materialwiderstand, der Übergang von Materialität in Immaterialität oder umgekehrt – das sind spannende Themen. Wenn z. B. im Film das Material, die Zerstörung des Materials eine eigene Geschichte erzählt, unabhängig vom ursprünglichen Bildinhalt.

Zeit und Greifbarkeit: Welche Bedeutung hat für dich das Arbeiten mit Archivmaterial im Verhältnis zum Filmen eigener Bilder?

Natürlich setze ich mein Archivmaterial sehr gerne ein. Ich habe es jahrelang einzelbildweise gescannt, die Rechte sind verwaist, ich habe es hochauflösend und exklusiv zur Vergügung.

Letztlich hängt es jedoch vom jeweiligen Projekt ab. Die Geschichte, die Aussage gibt die Mittel vor. Sicher experimentiere ich viel mit unterschiedlichem Material. Aber am Schluss fliegt alles raus, was nicht haargenau in die Story passt – auch wenn’s die schönsten Bilder sind.

Vielleicht ergibt sich ja ein neues Projekt daraus.

Welche Rolle spielt das Wort im Verhältnis zum Bild in deinen Filmen?

Worte sind sehr wichtig. Ich liebe Sprache, natürlich besonders die deutsche, die kann ich am besten. Ich kann Gedichte nutzen oder kann selbst Wörter sammeln. Für Halmaspiel z. B. habe ich neben Gegenständen aus dem Leben meiner Mutter auch Worte und Redewendungen gesammelt, aus Tagebüchern, Briefen, Zeitungen und aus dem Familienbestand. »Die schlechte Zeit, die gute Butter.« Das z. B. gibt für mich die ganze Epoche Nachkriegszeit und die Erinnerung an meine Großmutter wieder.

Aber vielleicht mache ich auch bald wieder einen Film ganz ohne Worte.

Falls es das überhaupt gibt? Assoziieren wir nicht immer Worte zu den Bildern?

Auf Zeitlicht bezogen: Wie und wann bist du auf das Gedicht Zeitlicht von Kathrin Schmidt gestoßen? Was hat dich daran interessiert, es als integralen Teil deines Films zu verwenden? Kennst du die Autorin persönlich? Hat sie den Film gesehen oder gar einen Anteil an der Entstehung des Films gehabt?

2008 hatte ich eine Ausstellung in der BrotfabikGalerie in Berlin-Weißensee. Dort in Weißensee stand ja das Filmstudio, wo 1920 Das Cabinett des Dr. Caligari gedreht wurde und viele weitere Stummfilme. Das war der ideale Ort, meine Arbeit (Videos, Drucke, Installationen) über zerfallende Filmfragmente zu zeigen.

Damals bat ich Kathrin Schmidt ich habe sie einfach angeschrieben, weil ich ihre Gedichte so sehr mag –, ob sie mir einen Text für eine Videoinstallation schicken könnte. Es entwickelte sich dann ein reger Austausch, ich zeigte ihr Filme – sie schrieb Texte –, und es entstanden die drei Gedichte: Jeder Text ist ein Wortbruch, Brandmaler und Zeitlicht. Zu Jeder Text ist ein Wortbruch montierte ich für die Ausstellung ein Video aus Stummfilmfragmenten, die sich auflösen und zu neuen Figuren zusammensetzen. Der Film lief auch erfolgreich auf Festivals.

Alle drei Gedichte wurden in einem kleinen Katalogbuch veröffentlicht, das in der Ausstellung als Objekt auf einem Sockel zu sehen und zu durchblättern war.

Diese Arbeit und die Zusammenarbeit mit Kathrin Schmidt wollte ich fortführen und so entstand Zeitlicht.

Das Gedicht zerlegte ich in Wortgruppen und einzelne Wörter und setze sie zu Filmszenen in Beziehung. Marschierende Soldaten, Landschaften, Frauenporträts, Detektivfilmszenen, Kindertrickfilme blitzen auf. Viele der Filmbilder sind beschädigt oder in Auflösung begriffen, oft ist nur Filmschmutz sichtbar. Die Bilder werden von den Gedichtzeilen kommentiert und interpretieren sie. Das Gedicht hat in dem Sinne auch einen fragmentarischen Charakter, die Worte sind – wie schon erwähnt – »Textkonzentrate«, bieten genauso Raum für Assoziationen wie die Bilder.

Gerade arbeiten wir an einem neuen, dritten Filmprojekt.

Zeitlicht ist, bis auf das Öffnen und Schließen der Filmdose ein Stummfilm (wie auch das Material, aus dem er generiert ist). Aus welchem Grund hast du dich entschieden, die Worte allein sichtbar und nicht auch hörbar zu machen?

Es geht ja um Stummfilme, die damals natürlich nie stumm gezeigt wurden, sondern live mit verschiedenen Geräuschen und Klaviermusik unterlegt wurden. Aber der ›Soundtrack‹ – sozusagen – ist nicht überliefert.

Die verwendeten Filme sind einsame, verwaiste Fundstücke, sehr kurze Fragmente, die aus einer anderen Zeit her aufleuchten. Ich wollte die Konzentration auf das Bild und auf den Text im Bild lenken. Ohne Musik wird das Fragmentarische noch deutlicher. Und der gesprochene Text ist auch immer eine Interpretation, die Auswahl der Sprecher, die Art zu sprechen. Das wollte ich offen lassen. Außerdem wäre das schon Tonfilm.

Zwischentitel gehören sowieso zum Stummfilm, damit wurden die oft kruden und zusammenhanglosen Szenen zu einer Geschichte verpackt. Wie man sieht, funktioniert das bis heute.

(lacht)

Über die Künstlerin
Betina Kuntzsch, 1963 in Berlin geboren, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. 1988 Diplom mit der Videoarbeit Ich saß auf einem Steine. Arbeit beim DDR Fernsehen und für Filmproduktionen. Seit 1988 Videotapes und Installationen, Druckgraphik, Animationen und Dokumentarfilme. Für ihre Arbeiten erhielt sie vielfach Preise, u.a. eine Goldene Taube bei DOK Leipzig (wegzaubern, 2015). Betina Kuntzsch lebt und arbeitet in Berlin.
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