Interview, Magazin

Juliane Jaschnow im Interview

»Inspiriert hat mich vor allem der tschechische Animationsfilm, allem voran Jan Švankmajers Filme, sein Umgang mit dem Unterbewusstsein und traumdeuterischen Elementen.«

Juliane Jaschnows Film DIE ANGST DES WOLFS VOR DEM WOLF ist unser FILM DES MONATS APRIL 2017.


Poetryfilmkanal: Stefan Petermann und du, ihr seid ja über das Lab/p-Programm zusammengekommen. War das dein erster Poetryfilm und deine erste Zusammenarbeit mit einem Schriftsteller?

Juliane Jaschnow: Ja, der erste Poetryfilm und die erste Zusammenarbeit dieser Art.

Gab es den Text von Stefan schon zu Beginn oder ist der erst im Laufe eurer Zusammenarbeit entstanden?

Den Text gab es in dieser Form, also als Versfassung vorher noch nicht – allerdings die gleichnamige Kurzgeschichte von Stefan, die er mir zusammen mit anderen Kurzgeschichten damals zum Lesen gegeben hatte. Als wir uns dann für den Wolf entschieden, hat Stefan den Text für den Film herausgearbeitet, in einem mehrstufigen Prozess herausgemeißelt sozusagen.

Was fandest Du an der Zusammenarbeit besonders interessant?

Ich fand es spannend zu beobachten, wie die eigenen Interpretationen, Bilder und Rhythmen, die jeder zu Beginn mitbringt, sich im Laufe der Arbeit verändern, sich abgleichen, sich aufeinander beziehen – das Einlassen auf eine andere Sprache und die jeweilige Rückübersetzung in die eigene. Am Ende steht dann etwas, was so nur gemeinsam entstehen konnte.

Wie bist auf die Ästhetik des Films gekommen? Gab es da filmische Anregungen oder ist sie eine unmittelbare Folge deiner Lektüre des Textes?

Die Ästhetik ist zunächst eine Folge der Lektüre. Der Text arbeitet auf mehreren Ebenen mit Irritationsmomenten, mit der Einbildung eines Gegenüber, mit Paranoia. Dafür habe ich Entsprechungen im Raum gesucht, wobei mich vor allem interessiert hat, was man nicht sehen kann – so kam es zu der Entscheidung, einen diffusen, unendlichen Raum zu konstruieren mit einem abgesteckten Territorium in der Mitte. Das monochrome rote Licht ist eine Inspiration aus der Dunkelkammer, ein Raum mit ähnlichem Effekt, in dem man seiner eigenen Wahrnehmung nicht unbedingt trauen kann.

Beim Rhythmus des Films war es mir wichtig, die verschiedenen Zustände und Gestalten des Erzählers, das schizophrene Wechseln zwischen Außen- und Selbstwahrnehmung herauszustellen, mit brüchigen Bild- und Blickwechseln zu arbeiten.

Inspiriert hat mich vor allem der tschechische Animationsfilm, allem voran Jan Švankmajers Filme, sein Umgang mit dem Unterbewusstsein und traumdeuterischen Elementen.

Du gehst bei diesem Film offenbar vom fotografischen Bild aus, das Du ins Filmische überführst. Was interessiert Dich an diesem Spannungsfeld?

Mich interessiert das Fragmentarische, das Gebrochene. Durch die fotografischen Einzelbilder der Stop Motion-Technik entsteht kein homogenes Filmbild, und die Konstruktion selbst wird sichtbar. Auf diese Weise ist ein Springen in und mit der Zeit möglich, es entstehen Lücken und Raum für Einschübe – so konnte ich die Vielschichtigkeit bzw. Gleichzeitigkeit der Blicke und Stimmungen im Film erzählen, wie ein Blinzeln, als würde man zwischen den Ebenen des Textes hin und her zappen.

Der Aufbau des Films scheint einem starken konzeptuellen Gedanken zu folgen. Kannst du uns mehr dazu verraten?

Im Visuellen gibt es im Grunde zwei Leitmotive, die den Film strukturieren: Zum einen die Figur, die sich durch den Raum bewegt, und zum anderen ein schlichtes Objekt, das in Interaktion mit der Figur mehrmals umgedeutet bzw. transformiert wird. Was zunächst zum Betrachten des eigenen Spiegelbildes dient, wird im nächsten Moment zum Fensterrahmen, der ein Innen und Außen definiert und gleichzeitig wie ein Bilderrahmen den Blick kadriert. Später wird der Rahmen zur Grenzlinie, dann zur markierten Fläche. Bis er sich schließlich aufzulösen beginnt und die Figur im dunklen Raum sich selbst gegenüber steht. Am Ende des Films kehrt man nochmals an den Anfang zurück: Die Figur steht wieder vor dem gerahmten Ausblick, als würde sie sich selbst darin beobachten oder als sei alles nur Einbildung gewesen.

Die Soundebene bringt noch einmal zusätzliche Spannung in den Film. Wie seid ihr auf die Effekte gekommen?

Gearbeitet haben wir viel mit artifiziellen, freigestellten Tönen, die wir dann jeweils an Bild und Sprache angepasst haben. Die Soundebene reagiert zum einen auf das Fragmentarische und Abrupte der Bildebene und unterstützt zum anderen die Atmosphären der einzelnen Verse. So hört man beispielsweise die Grillen zirpen, wenn vom heimischen Idyll die Rede ist. Darauf folgt, eingeleitet durch ein Störgeräusch, der plötzliche Wechsel zu verzerrtem Wolfsgeheul. Wie ein Tinnitus spitzt sich die Tonebene zu, bis es am Ende dann ganz still wird.

Besonders wichtig für die Soundebene sind natürlich der Sprecher und die Interpretation des Textes. Hier hatte ich nach einer starken und zugleich brüchigen Stimme gesucht, die Beobachtung, Zweifel und Bedrohung gleichzeitig transportieren kann.

Wie hat sich dein Bild vom Poetryfilm im Laufe der Arbeit an diesem Film verändert?

Vor dem Projekt hatte ich eine ziemlich eng gefasste Vorstellung vom Poetryfilm und bin mehr von der Illustration eines eingesprochenen Gedichts ausgegangen. Tatsächlich ist der Poetryfilm eher genau das Gegenteil – ein sehr offenes Format ohne fest definierte Grenzen, was ihn vor allem für filmisch-sprachliche hybride Experimente interessant macht.

»Der Wolf« war ja insgesamt auf Festivals sehr erfolgreich. Die Online-Verbreitung hat jetzt gerade erst vor wenigen Wochen begonnen. Motiviert dich dieser Erfolg, in Zukunft weitere Poetryfilme zu machen?

Wir freuen uns sehr über die weltweite Resonanz.

Schon vor einer ganzen Weile haben wir mal darüber nachgedacht, wieder gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten – ob das dann ein Poetryfilm wird, wird sich zeigen.

An welchen Projekten arbeitest du gerade?

Ich bin gerade mit der Finalisierung eines neuen Films beschäftigt; ein experimenteller Dokumentarfilm mit dem Titel Die Wirkung des Geschützes auf Gewitterwolken, an dem ich gemeinsam mit Stefanie Schroeder gearbeitet habe. Es geht um (Un-)Wetter im meteorologischen und auch gesellschaftspolitischen Sinn, um den Gebrauch von Metaphern, um Paranoia und Prognose, kurz: um das Bild vom Sturm und den Sturm als Bild.

Über die Filmemacherin

Juliane Jaschnow studierte Bildende Kunst im Bereich Fotografie und expanded cinema bei Prof. Joachim Brohm und Clemens von Wedemeyer an der HGB Leipzig. Zuvor Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Universität Leipzig. Auslandsstudium Fotojournalismus an der Moskauer Lomonossov Universität, DAAD-Stipendium. Aufenthalt an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Thomas Heise. Teilnahme an Professional Media Master Class und PMMC Lab des werkleitz e.V. und ›lab p – poetry in motion‹, Ostpol e.V. Mitglied der Filmischen Initiative Leipzig FILZ.

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Film des Monats April 2017: Die Angst des Wolfs vor dem Wolf

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