Film des Monats

15th February


Film des Monats April 2015 •

Wie sich ein hoffendes Herz in scharlachrotes Madengewimmel verwandeln kann, zeigt der britische Regisseur und Animationskünstler Tim Webb in seinem bekannten Poesiefilm »15th February« nach einem Gedicht von Peter Reading. Darin wird der Valentinstag zum Horror einer enttäuschten Liebe.

Da ist eine Briefmarke. Sie wird geleckt von einer Zunge. Und diese Zunge siehst du so nah, jede Unebenheit siehst du, voller unregelmäßiger Unebenheiten ist diese Zunge, nahezu abstoßend in all ihren Details. Diese Zunge leckt über die Rückseite der Briefmarke und diese Briefmarke wirst du, weil sie nun befeuchtet ist, auf einen Briefumschlag kleben können. Und weil der Briefumschlag nun frankiert ist, wird er an einen Ort geschickt werden können. Die Post wird ihn transportieren, denn die Briefmarke beweist: für den Transport wurde ein Entgelt entrichtet. Doch der Brief ist zu groß für den Briefkastenschlitz, weshalb der Brief zerknüllt werden muss, um in den Briefkasten zu passen, was bedeutet, dass der Brief zerknüllt nur den Empfänger erreichen wird. Die Botschaft wird beschädigt sein. Dabei ist diese Botschaft die wichtigste von allen. Die Botschaft ist Liebe. Und diese Liebe ist beschädigt.

Da ist ein Tag. Der vierzehnte Februar. Da ist der Valentinstag. Der Tag, an dem du von Liebe sprechen sollst. In Supermärkten sollst du Karten kaufen, Konfekt in herzförmigen Schachteln, an Ständen Blumen, um sagen zu können: Ich liebe dich. Da ist der Titel eines Gedichts. Es heißt »15th February«. Der fünfzehnte Februar ist der Tag nach der Liebe.

Da ist ein Rhythmus. Denn da sind Wiederholungen von Bildern: Zigaretten, die in Aschenbechern ausgedrückt werden, Blumen, die im Zeitraffer verwelken, wie gehabt Zungen, die Briefmarken lecken, Stempel, die Briefe frankieren, Konsumenten, die eine Einkaufsstraße entlangschlendern. Wiederholt werden diese Bilder, hintereinander geschnitten, gegeneinander, wieder und wieder, bis die Bilder sich von ihrem Bildsinn lösen und keine Botschaft mehr haben, sondern nur eine Funktion mehr: Dem Rhythmus zu dienen.

Da ist ein Atmen. Ein Einsaugen von Zigarettenrauch. Ein Schlagen des Herzens. Schritte sind da. Papierknüllen. Lauter Töne, die sich wie die Bilder zu einem Rhythmus fügen. Laut sind sie, lauter als du sie wirklich hören könntest, so laut, als würde jemand neben dir atmen und dir den Zigarettenqualm ins Gesicht pusten. Fast schmeckst du das Nikotin.

Da sind die Worte. Auch sie schmeckst du fast. Denn da ist eine Stimme. Es ist die Stimme des Autors. Er heißt Peter Reading. Es ist sein Gedicht. Und wie er sein Gedicht einspricht, zerstört er es. Einen Satz voller Worte sagt er und tauscht dann diese Worte aus, setzt sie an unterschiedlichen Stellen wieder ein, verändert so den Sinn seiner Sätze. Nein, eigentlich zerstört er nicht. Eigentlich erschafft er durch diese Veränderungen erst die Geschichte.

Wie er anfangs feststellt:

the heart was scarlet satin, sort of stuffed.
I sort of felt it was me own heart, like

Und dann verändert:

I sort of stuffed and tore her sort of scarlet
I stuffed her, like, and felt her sort of satin.

Und schließlich anlangt bei:

I tore her satin felt her stuffed her scarlet
tore out her heart stuff scarred her Satan har

Da erzählt er die Geschichte einer Liebe, die enttäuscht wird. Und was die Enttäuschung mit dem Enttäuschten macht. Wie Liebe zu Verbitterung wird, vielleicht schon immer Hass war. Und so spricht er auch diese Worte. Erwartungsvoll erst, ein wenig unsicher vielleicht, zunehmend hastiger, rasender, schneidend bald, zerstückelt das Schöne, ersetzt durch Hartes und Kaltes. Mit jeder Wiederholung steigert sich die Rage. Brutal wird, was zuvor zärtlich gemeint war. Der im Geheimen liebende Briefschreiber wird zum fischblütigen Rohling. Wie Maden sind nun die Worte des Autors.

Da sind also Maden. Und die Maden waren erst ein scharlachrotes Herz, das gekauft wurde mit der Absicht, Liebe auszudrücken. Doch das scharlachrote Herz zerwimmelt es in Rote-Bohnen-ähnliche Maden, die wie die hasserfüllt ausgestoßenen Worte auseinanderstreben. Ein Gewirr. Da sind Zigaretten, deren noch brennende Spitzen sich im scharlachroten Herzen ausdrücken. Da sind Nadeln, die in das scharlachrote Herz stechen, die Nadeln mit der guten Absicht, das scharlachrote Herz zu flicken. Doch zu spät. Das Herz blutet schon scharlachrot. Und in das Blut als Tinte taucht sich ein Stift und kratzt scharlachblutrot auf Briefpapier drei Kreuze, drei Kreuze, die drei Küsse bedeuten sollten, an dieser Stelle aber bereits den Tod einer Liebe meinen.

Denn da war eine Liebe. Aber sie wurde nie erfüllt. In zweihundertvierundneunzig Schnitten erzählt dieser Film davon. Es ist der fünfzehnte Februar.

Informationen zum Film

  • 15th February
  • England 1995, 6:40 Min.
  • Regie: Tim Webb in Zusammenarbeit mit Janice Biggs
  • Text u. Voice-over: Peter Reading (1946–2011) nach seinem Gedicht 15th February
  • Preise: u.a. ICA Dick Award 1995, 1. Preis des ZEBRA Poetry Film Festivals 2002
  • Literaturhinweis: Siehe auch die Filmanalyse von Stefanie Orphal: Poesiefilm. Lyrik im audiovisuellen Medium. Berlin, Boston 2014, S. 229–235
Informationen zum Autor

petermann, stefan - autorStefan Petermann wurde in Werdau geboren. Er studierte an der Bauhaus Universität Weimar. 2009 erschien sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern, danach der Erzählband Ausschau halten nach Tigern. Für seinen letzten Roman Das Gegenteil von Henry Sy wurde er vom Literaturhaus Bremen ausgezeichnet. 2015 ist er Stadtschreiber von Wels.

www.stefanpetermann.de

 

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