Essay, Magazin
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Die archaische Faszination am Poetryfilm

Die Projektion von bewegten, poetischen Bildern hat die Menschheit seit Anbeginn der Zeiten gefesselt.

Der Regisseur Werner Herzog hat auf künstlerische Weise in seinem Film Die Höhle der vergessenen Bilder gezeigt, wie Felszeichnungen durch das schwankende Licht der Fackeln in Bewegung gerieten und eine Art Protokino bildeten. Ich stelle mir vor, dass diese Projektionen durch Tänze, Musik und magisch-poetische Rezitationen begleitet wurden. Die magische Bedeutung und d. h. die Faszination derartiger Projektionen resultiert aus ihrem eigenen Ursprung. Der Dialog zwischen bewegtem Bild, poetischem Wort, Klang und Körper ist also archaisch, sein Ursprung ein magisches Ritual, aus dem sich die Faszination herleitet. Von dieser archaischen Form bis heute hat jede neue Technologie der audiovisuellen Poesie neue Ausdrucksmöglichkeiten gegeben und neue Sondersprachen erfunden, die ich alle mit dem Ausdruck »Das Audiovisuelle« bezeichnen möchte.

Andererseits entstand gleichzeitig die Poesie. Sie besteht wesentlich in der Faszination an der Wortsprache. Auf dem Gebiet der Sprache ist nur die Poesie in der Lage, das Wort zu transzendieren, die Grenzen der Sprache zu erweitern, neue Bedeutungsmöglichkeiten zu eröffnen, ihr Schwung und Kunst zu verleihen, zu symbolisieren, sie auf das Niveau der Magie zu heben und Wirklichkeiten zu erschaffen. Das poetische Wort ist magisch und deswegen faszinierend, es entdeckt neue Welten, spricht auf ungeahnte Weise, erfindet neue Universen, um darin zu reisen und zu wohnen. Die Poesie hat vier Dimensionen, die in ihrer Faszination miteinander kommunizieren: die Bedeutung, die visuelle Dimension, die hörbare Dimension und die szenische/performative Dimension. Jede von ihnen hat ihr eigenes Experimentierfeld und ihre eigene Art der Horizonterweiterung im Zusammenspiel mit den anderen Dimensionen.

Wenden wir uns der Sprache der bewegten Bilder zu. Mit der Erfindung des Cinematografen durch die Gebrüder Lumiére erweiterte diese Sprache ihr Potenzial und steigerte ihre Faszination bemerkenswerterweise dadurch, dass sie der Realität zu ähneln schien. Beweis dafür sind die ersten Filmzuschauer, die vor dem Zug davonliefen, der sich ihnen auf der Filmleinwand näherte. Einleuchtenderweise tauften die Gebürder Lumiére ihre Erfindung als »Schrift in Bewegung« (span. cinematógrafo von griech. graphein, schreiben), um von Anfang an die Einheit der Formen und eine neue Art des Schreibens, des Poetisierens, zu präsentieren. Sogleich wandten sich verschiedene Künstler und Dichter den enormen Möglichkeiten dieser Technik zu, um beide Faszinationen noch intensiver zu erforschen: die der bewegten Bilder und die des poetischen Wortes. Beispiele dafür finden sich bei den Dadaisten: Anemic cinema von Marcel Duchamp und L’etoile de mer von Man Ray über das Gedicht des Surrealisten Robert Desnos. Später u. a. Le Sang d’un Poète von Jean Cocteau.

Mit der Erfindung des Videos wurde das Audiovisuelle für zahlreiche Künstler und Poeten zugänglich, zumal sich die Produktionskosten und die Größe der Apparate verringerten. Sie tauften Gattungen, die schon existierten, mit eigenen Namen wie Videokunst, Videoperformance, Videotanz oder Videoclip. In unserem Fall begannen sie von Videopoesie, CinE-Poetry, Poetryfilm zu sprechen. Zugleich entstanden mit dem Video neue Formate: die poetische Videoinstallation und die poetische Live-Videoperformance. Ernesto M. de Melo e Castro, ein Poet der konkreten Kunst aus Portugal, schuf 1968 das Video Roda Lume. Im Jahr 1978 bezeichnete Tom Konyves sein Werk Sympathies of War als »Videopoem«. Seitdem sind die Videopoesie bzw. der Poetryfilm stark angewachsen. Der Gebrauch von Computern ermöglichte neue Formen und Ausdrucksweisen. Das Internet hat sowohl zur Netzkunst als auch zur Veröffentlichung der Videos beigetragen. Das bewegte Bild, die Poesie und die Technik sind in ständiger Entwicklung begriffen. Sie bilden eine Triade, welche die Faszination der Dichter und Künstler wie auch die der Zuschauer in den Schaffensprozess einbezieht.

Es gibt inzwischen zahlreiche erfolgreiche Festivals an verschiedenen Orten der Welt. Eines der ersten war das CinE Poetry Festival in San Francisco in den 1980er Jahren. 1996 haben wir in Argentinien das Festival VideoBardo als Archiv und Festival für Videopoesie gegründet. Es ist offen für alle Formate, Konzeptionen und Unterformen, die mit dem Dialog zwischen dem bewegten Bild, der Klangsprache und der poetischen Wortsprache arbeiten. So umfasst das Festival »Single-channel Videogedichte«, Videopoesie, poetische Videoinstallationen, poetische audiovisuelle Liveperformances, Seminare und Vorträge. Auch die visuelle Poesie, die Klangpoesie und Performance hat ihren Raum als Bestandteil und Quelle in diesem videopoetischen Dialog und bleibt spannend und wird es bleiben.

Heute gibt es ungefähr 15 Festivals für Poetryfilme und Videopoesie auf der Welt. Die Videopoetry wird wachsen und sich entwickeln. Um ein Beispiel zu geben: Die holografischen Projektionen sind eine Technologie in voller Blüte und werden ein neues Format und eine neue Sprache für die Videopoesie und den Poetryfilm sein, die faszinieren wird – in diesem Fall auch ohne Leinwand.

Übers. aus dem Spanischen von C. Giraldo Vélez/G. Naschert

Informationen zum Autor

Javier Alejandro Robledo, geb. 1962 in Buenos Aires/Argentinien, sein Anagramm lautet »El Joven Bardo de Roja Lira«, ist Dichter, Videokünstler, Performer und Produzent. Bisher veröffentlichte er fünf Gedichtbände und einen Band Erzählungen und trat damit auf Literaturfestivals in mehreren Ländern auf. Von 1996 bis 2004 war er Herausgeber des von ihm selbst gegründeten Journals Bardo revista de poesía (1996–2004). Seine Videopoeme, Videoinstallationen, Performances und Dokus wurden auf internationalen Festivals gezeigt. Seit 1996 ist er Produzent des VideoBardo, Archivo y Festival Internacional de Videopoesia, das bereits in sechzehn Ländern an Poetryfilm-Veranstaltungen mitgewirkt hat. Außerdem unterrichtet Javier Robledo Videopoesie und Videoperformance an verschiedenen Universitäten.

 

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