Film des Monats

Antique Sound

Film des Monats August 2017 •

Das atmosphärische Knistern einer Schallplatte, das aus dem Wasser kommt. Ein kleiner mondbeschienener See mit sparsamen 20 Watt. Schon das kleine, nur ca. 20 Sekunden kurze Intro von Evan Holms Poetryfilm »Antique Sounds« erzeugt auf einfachste Weise eine vielschichtige Bildlichkeit, die dem Gedicht W. S. Merwins gerecht wird, bevor überhaupt der erste Vers erklingt.

Was dann folgt, wirkt einfach, auf den ersten Blick vielleicht sogar etwas uninspiriert. Ein Gedicht über das Abspielen von Schallplatten, ins Bild gesetzt durch sich drehendes Vinyl. Aber da ist natürlich mehr; viel mehr.

Evan Holm ist nicht in erster Linie als Filmemacher bekannt, sondern als Installations- und Medienkünstler. Vor ein paar Jahren entwickelte er seine Installation Submerged Turntables mit der sich Schallplatten unter Wasser, in einem kleinen Bassin, abspielen lassen. Dafür lagerte er u. a. sämtliche elektronischen Bauteile des Plattenspielers auf eine über dem Bassin stehende Baumskulptur aus. Auf seiner Website erklärt Holm zu seinem Werk: »There will be a time when all tracings of human culture will dissolve back into the soil under the slow crush of the unfolding universe. The pool, black and depthless, represents loss, represents mystery and represents the collective subconscious of the human race. By placing these records underneath the dark and obscure surface of the pool, I am enacting a small moment of remorse towards this loss.«* Keine Frage – Holms Unterwasserplattenspieler ist ein Kunstwerk für das Anthropozän, das Zeitalter der Menschen, unsere Gegenwart.

Die Frage, was von uns als Menschheit bleiben wird, ist im Grunde eine sinnlose, da es nach dem Anthropozän keinen Richter und keine Antwort geben wird. Dennoch ist es eine Frage, die sich nicht abschütteln lässt und die ihren (ästhetischen) Reiz auch dadurch aufrecht erhält, dass sie immer eine gewissen Apokalyptik impliziert. So auch in der Altersstimme des Dichter W. S. Merwin, der nach dem kurzen Prolog mit antiken Sound anhebt – There was an age where you played records/ with ordinary steel needles which grew blunt. Man fühlt sich unweigerlich an den alten Johnny Cash erinnert, in dessen Spätwerk immer etwas Biblisches und damit Endzeitliches mitschwingt. There’ll be a golden ladder reaching down./ When the man comes around. … The whirlwind is in the thorn tree./ It’s hard for thee to kick against the pricks. Und dass es in Merwins Gedicht nun unbedingt die ›Frucht‹ eines Dornbusches sein muss, die Beethoven, einen Höhepunkt der Kultur, zum Klingen bringt, ist natürlich kein Zufall.

William Stanley Merwin, zweimaliger Pulitzer-Preisträger und Poet Laureate der USA, war schon früh vor allem an mythischen und mythologischen Stoffen interessiert. Seit den 1970er Jahren lebt auf Hawaii und ist dort auch als Gärtner und Umweltaktivist tätig. In seinem Spätwerk, ist zu lesen, kommt der Natur »besondere Aufmerksamkeit« zu. Zu diesem Spätwerk zählt auch das Gedicht Antique Sound, dass 2014 im Band The Moon Before Morning erschien. Natürlich keine Naturlyrik, sondern ein Gedicht, in dem sich mehrere Ebenen von Erfahrung, Erinnerung und Betrachtungen ineinander verschalten, so wie sich Evan Holms Installation mit dem Text zu einem Film verbindet.

Ein Film, der letztlich mit dem Einsatz einfachster Mittel auskommt. Standbilder oder Fotos unter einer leichten Wellenbewegung von Wasser illustrieren eine Erinnerung, der Vogelgesang im Unterholz setzt ein, wenn Merwin ihn anspricht. Eine etwas unpassende Eule, die als Symboltier und Attribut Athenes und Minervas zwar keine ganz neue Ebene in den Film einbringen kann, sich aber assoziativ einfügt in Merwins Predigt über die bzw. aus den alten Zeiten, als die Natur im Gleichgewicht war, alles seinen Platz hatte und die Stimmen der Dichter in Büchern und analogen Tonmedien gespeichert waren.

Zweige sind zu sehen, ein Junge in auffallend roter Jacke, der in den Zweigen von Holms Installation nach einem passenden Dorn zu suchen scheint. Dass er fündig geworden ist, weiß der Zuschauer spätestens dann, wenn der Tonarm des Plattenspielers sich ins flache Wasser senkt und Beethoven erklingt. Begleitet vom Rauschen und Knacken, das nur noch Audiophile, Zeitzeugen und Hipster in Verzückung versetzt. Ein gewisses Pathos gegen Ende sei diesem Text ebenso verziehen wie Holms verblasste Lilie, die etwas zu viel des Guten ist. Der Abgesangscharakter scheint auch daher etwas unpassend, da Holm seine Submerged Turntables als optimistische Skulptur bezeichnet: »… for just after that moment of submergence; tone, melody and ultimately song is pulled back out of the pool, past the veil of the subconscious, out from under the crush of time, and back into a living and breathing realm. When I perform with this sculpture, I am honoring and celebrating all the musicians, all the artists that have helped to build our human culture.«*

Und dennoch, dass diese Kultur, unsere Zivilisation nicht ewig sein wird, dessen sind wir uns im Anthropozän bewusster denn je. Since to improvement könnte man etwas ironisch mit Merwin antworten. Immerhin wird es in Holms Film an dieser Stelle zappenduster. Und kurz darauf wieder hell. Das Rauschen und Knacken der Plattenspieler gibt es noch, das der 56k Modems schon wieder nicht mehr. Aber Dornenbüsche werden auch dann noch wachsen, wenn versteinerte iPads niemandem mehr etwas zu sagen haben.


* URL: http://evanholm.com/about/ (25.7.2017).

Antiker Sound
W. S. Merwin

Es gab eine Zeit in der man Schallplatten abspielte
mit gewöhnlichen Stahlnadeln die stumpf wurden
und die Rillen zerkratzten oder mit teureren
Stylus-Nadeln aus Wolfram oder Diamant
die die Platten abnutzten und die Musik verblassen ließ
aber ein Freund und ich waren davon überzeugt
dass ein trockener Dorn vom richtigen Busch das Beste war
und ich wusste wo man ihn fand gleich links
vom Kingston Pike in der flachen Senke
die mal ein Wald war und zugewuchert
mit struppigem Unterholz belebt
von einem irischen Chor aus Grillen Amseln Finken
Krähen Eichelhähern dem Atmen von Wühlmäusen Waschbären
Kaninchen Füchsen dem Windhauch im Dickicht
die Dornenbüsche summten einen hohen Vielklang
das alles ist längst dem Fortschritt gewichen aber als
diese feine Dissonanz noch im Einklang war fuhren wir
mit den Rädern dort hinaus um trockene Zweige zu holen
Dornen zu pflücken und wir brachten die Ernte ein
und hörten Beethovens Rasumovsky Quartette
vom Ende eines Dorns erklingen

Übers. v. Mario Osterland

Englische Version

Über den Film
  • Antique Sound
  • USA 2014, 3:52 min
  • Regie: Evan Holm
  • Text: William Stanley Merwin
  • Produktion: Motionpoems
Über den Autor
Mario Osterland, geb. 1986 in Mühlhausen/Thür. Studierte Germanistik, Komparatistik und Kunstgeschichte an der Universität Leipzig. Lebt in Erfurt. Er ist einer der Organisatoren der Thüringer Lesereihe »In guter Nachbarschaft« und co-moderiert die Literatursendung »Blaubart & Ginster« im Radio OKJ. Zuletzt erschien: In Paris. Prosagedichte (parasitenpresse, 2014).

Foto © Dirk Skiba