Essay, Magazin
Schreibe einen Kommentar

Lyrikverfilmung als Thema des Fremdsprachenunterrichts

Lyrikverfilmungen liefern gute Beispiele dafür, dass wir dasselbe Gedicht auf sehr unterschiedliche Art und Weise wahrnehmen können. Sich bewusst zu werden, wie selektiv und subjektiv unsere Wahrnehmung funktioniert, welche unterschiedlichen Bilder in unseren Köpfen entstehen, ist eine faszinierende Herausforderung für den Fremdsprachenunterricht.

Ein Vergleich von drei Verfilmungen des Gedichts Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen von Heiner Müller kann dies verdeutlichen.* Im Gedicht von Heiner Müller geht es um eine ›negative‹ Liebeserklärung:

»Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen
Sie gehört mir nicht. Ich werde dir keinen Stern
Pflücken:
Ich habe kein Geld für Blumen und keine Zeit
Verse zu machen nur für dich: mein Leben
Wird so und so zu knapp sein für ein ganzes.
Wenn ich dir sage: für dich werd ich alles tun
Werde ich dir eine Lüge sagen. (Du weißt es)
Ich liebe dich mit meiner ganzen Liebe.«* *

Das (un)lyrische Ich, der Sprecher des Gedichts, erklärt seiner Geliebten, was er für sie alles nicht tun wird, wobei die Geliebte nur mit einem ›du‹ angedeutet wird und die Reaktion auf die Liebeserklärung und der situative Rahmen im Gedicht fehlen. In den drei Verfilmungen dieses Texts, die Ralf Schmerberg, Delia Manicke und Linda Uhlig gestaltet haben, gibt es dafür jeweils drei sehr verschiedene situative Rahmen und Geschehensorte: Weltall und Erde / ein Hochzeitsstudio mit Brautkleidern / eine gewöhnliche Vorstadt; genauso unterschiedlich sind auch die Reaktionen auf die Liebeserklärung: die Frau fällt buchstäblich aus den Wolken auf den harten Erdboden / die Liebeserklärung löst einen Brand im Hochzeitsstudio aus / die Frau entscheidet sich für den Sprecher und somit gegen einen anderen, ›soliden‹ Kandidaten.

Der Sprecher, der im Gedicht eine abstrakte Vermittlungsinstanz ist, wird dabei zu einer konkreten filmischen Größe: In unseren Beispielen gibt es – in allen drei Fällen handelt es sich um eine Stimme aus dem Off – zwei männliche Sprecher, einen älteren und einen jüngeren, und einmal sogar eine Sprecherin. Indem ein Gedicht gesprochen bzw. zur Stimme wird, erhält dieses bereits durch Faktoren wie das Geschlecht des Sprechers, sein Alter, die Sprechweise eine Interpretation und erfährt eine individuelle Bedeutungsstiftung.

Eine weitere Frage ist, wie images (mentale Bilder, die beim Lesen eines Gedichts entstehen) zu pictures (sichtbaren filmischen Bildern) werden. Darüber nachzudenken, welche Bilder aus dem Gedicht von den Filmemachern aufgegriffen und wie diese in die filmischen Bilder transformiert werden, fördert ebenso die Medienkompetenz wie die Wahrnehmungsreflexion. Der Betrachter ist herausgefordert, möglichst viele assoziative Wege mitzugehen, um die Intention der Filmemacher nachvollziehen zu können. Im Unterricht entsteht dadurch ein authentischer, motivierender Sprechanlass und eine intensive, textnahe Filmarbeit, und zwar unabhängig davon, ob die Lerner die Verfilmungen persönlich ›mögen‹ und gelungen finden. Im Fremdsprachenunterricht bieten Lyrikverfilmungen als Lerngegenstand die Möglichkeit des Schulens aller Fertigkeiten des Spracherwerbs und fördern dabei die Kreativität.

Die Auseinandersetzung mit der Lyrikverfilmung ist – nicht nur im unterrichtlichen Rahmen – eine spannende und aufschlussreiche Beschäftigung, die zur Förderung der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und zur Relativierung des eigenen Standpunkts beiträgt. Und als Lehrer macht sie einfach richtig Spaß!


* Die drei Beispiele sind:
(1) Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen, R: Ralf Schmerberg, D 2003, 3:10 Min.
(2)  Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen, R: Delia Manicke (Schülerverfilmung, Jg. 2010–2011). D 2011. 2:28 Min.
(3) Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen, R: Linda Uhlig. D o. J. (2011?). 1:36 Min.

** Heiner Müller: Die Gedichte (Werke, Bd. 1. Hg. von Frank Hörnigk). Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1998, S. 183.

Über die Autorin

Anastasia Novikova promovierte zum Thema Lyrikverfilmungen im DaF-Unterricht. Theoretische Grundlagen und didaktische Praxis (Hamburg 2013). Sie lebt in Heidelberg und Ruse (Bulgarien). In Ruse leitet sie den Bereich ›Wissenschaft‹ bei der Internationalen Elias Canetti Gesellschaft. Am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg unterrichtet sie als Lehrbeauftragte Literatur- und Filmdidaktik. Zum Thema Lyrikverfilmung bietet sie Workshops und Lehrerfortbildungen an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.